All Those Ugly Lies – Teil 32 – Finale

Palmer

»Hallo meine Freunde. Nein, wartet, ihr seid ja gar nicht meine Freunde.« Halverston schob die Bahre in den Raum und verschränkte die Arme.
Mit einem Seufzen nahm Murphy die Tüte mit den Backenzähnen von meiner Arbeitsplatte. »Es ist jetzt acht Wochen her, Jack. Wie lange willst du noch darauf herumreiten?«
»So zwei bis drei Jahre, dachte ich.« Er grinste.
»Wer ist das noch gleich?«, fragte ich, als er die Bahre mit dem bewusstlosen Mann unter die Lampe rollte.
Jack holte seinen Block aus der Tasche und schlug die zweite Seite auf. »Adrián Echevarría. Drogenkartell. Mein Boss hat es genauer ausgeführt. Ich habe nicht zugehört.«
»Warum sollten die ganzen unbedeutenden Details auch von Interesse sein?«, spottete Murphy.
»Hey. Er soll nur verschwinden, wir brauchen keine Infos. Wozu soll ich mir das Leben schwermachen?«
»Wenn er sich bloß in Luft auflösen soll, können wir ihn meinetwegen gleich in den Ofen schieben.«
Jack schob die Unterlippe vor. »Können wir nicht ein kleines Bisschen mit ihm spielen?«
Murphy nickte. »Nur ein ganz kleines Bisschen.«
»Heute nicht mehr. Dann müsst ihr morgen wiederkommen. Ich habe Sadie versprochen, gegen acht zu Hause zu sein.« Ich zog meinen Ärmel zurück, um einen Blick auf meine Armbanduhr zu werfen.
Mit beeindruckender Schnelligkeit packte Murphy meinen Arm. »Sag mal, Jack – findest du auch, dass das verdächtig nach einem Ehering aussieht?«
Jack kam näher und starrte auf meine Hand. »Ich glaube es nicht. Ihr habt geheiratet?«
Ich schüttelte Murphys Griff ab. »Keine Ahnung, wovon ihr redet.« Dabei versuchte ich, mein Grinsen zu verbergen.
»Pff«, machte Murphy. »Ich kann Sadie einfach am Sonntag selbst fragen. Sie ist bestimmt auskunftsfreudiger als du.«
»Sonntag? Was ist Sonntag?« Jack klang wie ein hysterischer Hundewelpe.
Ich rieb mir über den Nacken. »Irgendwie schaffe ich es nicht, Sadie abzugewöhnen, ständig fremde Leute zum Essen einzuladen.«
Murphy presste die Hand auf die Brust. »Erst werde ich nicht zur Hochzeit eingeladen und jetzt das? Diese Qualen. Es tut so weh …« Er sank langsam in sich zusammen, während ich die Augen aufgrund seiner schauspielerischen Darbietung verdrehte.
»Warum bin ich nicht eingeladen?« Jacks Augen waren schmal.
»Es könnte daran liegen, dass du schrecklich unsympathisch bist.« Ich zuckte mit den Achseln.
»Und ein Arschloch«, ergänzte Murphy.
»Ihr seid bloß neidisch, weil ich reich bin.«
»Du machst es nicht gerade besser, Jack. Außerdem bin ich mir sicher, dass Sadie mehr Geld hat als du.«
»Sadie, aber du nicht. Sie war nie im Leben dumm genug, auf einen Ehevertrag zu verzichten.«
Ich grinste. »Du hast nicht die geringste Ahnung, wie gut ich im Bett bin.«
»Okay. Das war mein Stichwort. Ich bin weg. Bis Sonntag, Palmer. Bis hoffentlich nie wieder, Jack.«
»Leck mich«, brüllte er Murphy hinterher. Danach drehte er sich wieder zu mir. »Wie sieht’s aus? Kann ich auch kommen?«
»Schätze schon. Aber frag sicherheitshalber Sadie, immerhin kocht sie.«
»Alles klar. Dann bis Sonntag.«
»Ich kann es kaum erwarten.« Obwohl ich mir Mühe gab, nur mäßig begeistert zu klingen, ignorierte Jack mich und war bereits mit seinem Handy beschäftigt, während er zur Tür ging.
»Jaja, kein Problem«, sagte ich in den leeren Raum, nachdem er verschwunden war. »Überlasst mir ruhig die ganze Arbeit. Ich brauche keine Hilfe.«
Mit einem Seufzen sah ich auf Adrián Echevarría hinunter. Er musste in den Ofen, bevor ich Feierabend machen konnte.

***

Ich parkte vor dem Haupthaus, stieg aus und entdeckte Sadies Mutter zwischen den Weinreben. Damit sie nicht beleidigt war, ging ich hin, um sie zu begrüßen.
»Hey Carol.« Ich gab ihr einen Kuss auf die Schläfe.
Sie lächelte mich an und tätschelte meine Wange. »Du bist früh wieder da, mein Lieblingsschwiegersohn.«
»Immer wenn du das sagst, schürst du meinen Verdacht, dass Sadie noch andere Männer neben mir hat.«
Carol lachte und zwinkerte mir zu. »Mit etwas Unsicherheit gibst du dir mehr Mühe.«
»Du kämpfst mit harten Bandagen. Jetzt weiß ich, woher deine Tochter es hat. Wo ist sie?«
»Im Arbeitszimmer. Sie redet sich ein, sie würde ohne einen Buchhalter zurechtkommen.«
»Wie lange willst du sie in dem Glauben lassen?« Ich zupfte eine Traube von der Rebe und schob sie mir in den Mund, wofür ich prompt einen Klaps auf die Hand bekam.
»Bis sie es von allein merkt. Ich bin klug genug, ihr nicht reinzureden.«
Ich nickte Carol zu und machte mich auf den Weg zu Sadie. Wie angekündigt fand ich sie im Arbeitszimmer. Um ihre Laune zu bessern, brachte ich ihr direkt ein Glas Wein mit. »Hallo Darling.«
Sie sah auf, eine Haarsträhne stand senkrecht vom Kopf ab und sie blinzelte. »Hey. Wie spät ist es?«
»Nach zwanzig Uhr.«
»Oh.« Sie fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. »Ich glaube, ich muss jemanden für den Papierkram einstellen. Keine Ahnung, was Dad hier veranstaltet hat. Da blicke ich beim besten Willen nicht durch.«
Ich zuckte mit den Achseln. »Deine Mutter hat es bereits angedeutet. Ich finde nicht, dass man dir dafür Vorwürfe machen kann. Auch du kleiner Kontrollfreak musst lernen, etwas von der Arbeit abzugeben.«
Sie verzog das Gesicht. »Ich bin gründlich.«
»Das sind andere auch. Komm, du solltest etwas essen. Außerdem könnten wir hier drin mal lüften.«
»Was soll das denn heißen?« Sie schaute mich empört an.
»Nichts, nichts. Soll ich dich zum Essen ausführen?«
»Apropos Essen. Murphy möchte schon wieder Enchiladas am Sonntag. Stört dich das?«
»Nein. Aber du musst aufhören, ihn ständig einzuladen, sonst werden wir ihn eines Tages nicht mehr los.«
»Jack kommt auch.«
Ich stöhnte gequält. »Womit habe ich das verdient?«
»Du magst ihn eigentlich«, informierte meine Frau mich im Vorbeigehen.
Ich folgte ihr aus dem Arbeitszimmer. »Ganz sicher nicht.«
»Doch. Schon allein, weil ihr euch liebend gern streitet. Wenn er dir wirklich egal wäre, hättest du ihn längst umgebracht – aber du stehst darauf, ihn zu ärgern. Genau wie er dich nur zu gern piesakt. Ihr habt euch gegenseitig verdient.«
Ich zog sie in meine Arme und küsste sie mitten im Flur. »Meine Theorie ist ganz anders.«
»Ach ja?« Sadie hob eine Augenbraue.
»Ja. Ich glaube, du hoffst darauf, dass ich von Jacks Gegenwart schlechte Laune bekomme, die ich danach an dir auslasse.«
Sadie gab ein leises Schnurren von sich. »Vielleicht.«
»Vielleicht?«
Sie knabberte an meiner Unterlippe. »Wir müssen wohl bis Sonntag warten, ehe wir es herausfinden können.«
»Ich liebe dich.«
Meine Frau sah mich an. »Ich glaube, ich werde nie genug davon bekommen, wie du das sagst.«
Ich räusperte mich und starrte sie an.
Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. »Ich liebe dich auch.«

ENDE