All Those Ugly Lies – Teil 30

Palmer

Jason Eadric brauchte eine Weile, bis er sich orientiert hatte. In dem sterilen Krankenhausraum brannte nur die kleine Nachttischlampe.
Es überraschte mich nicht, dass Sadies Vater relativ schnell wach wurde, nachdem ich den Schmerzmitteltropf zugedreht hatte. Er wollte sich im Bett aufsetzen und scheiterte kläglich. »Wer sind Sie?«
»Hallo Jason.« Ich lächelte ihn an und deutete auf die Waffe, die auf meinem Schoß lag – nicht, dass er in seinem Zustand überhaupt eine Bedrohung für mich dargestellt hätte. »Wie wäre es, wenn wir unsere Unterhaltung leise führen, um die Nachtschwester nicht zu beunruhigen?«
Seine Augen glitten unruhig von der Pistole über mein Gesicht zum Knopf, mit dem er um Hilfe rufen konnte, und zurück, bevor er in sich zusammensank. »Wer sind Sie?«, wiederholte er.
»Ich bin Palmer. Sie wissen schon, Jason: der Typ, der sich darum kümmern sollte, dass die Leiche Ihrer Tochter verschwindet.«
Obwohl er bereits eine sehr ungesunde Gesichtsfarbe hatte, wurde er noch blasser. »Ich fürchte, ich verstehe Sie nicht.«
»Sie verstehen sehr gut«, erwiderte ich kalt. »Und Sadie versteht es auch. Sie leidet keineswegs unter Amnesie. Es war nur eine Möglichkeit, um ihr genug Zeit zu verschaffen, die Puzzlestücke zusammenzusetzen. Sie weiß, was passiert ist.«
»Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden.« Panik flackerte in seinen Augen.
»Muss ich Ihrem Gedächtnis wirklich auf die Sprünge helfen? Sie haben herausgefunden, dass Sie nicht Sadies Vater sind, danach haben Sie sich um einen Killer bemüht, um die unliebsamen Beweise in Form Ihrer Tochter verschwinden zu lassen. Natürlich war der Verlobte eingeweiht und sollte Ihnen helfen. Doch Ihr schöner Plan ging den Bach hinunter, nicht wahr?«
Er schüttelte knapp den Kopf.
Ich grinste bloß. »Leugnen ist zwecklos. Wir haben sämtliche Textnachrichten, die Sie an Mathis geschickt haben. Insgesamt zeichnet sich ein ziemlich übles Bild ab. Ich bin wirklich gespannt, wie die medizinische Versorgung in staatlichen Gefängnissen ist.« Um meine Worte zu untermalen, schnippte ich mit den Fingern gegen den Schlauch, der von seinem Handrücken zum Tropf führte. »Hoffen wir das Beste.«
»Was wollen Sie?«
»Leider spielt es keine Rolle, was ich will, da Sadie trotz allem ein sehr großes Herz hat. Hier ist das Angebot Ihrer Tochter: Sie verschwinden, ich gebe Ihnen Geld, neue Papiere und davon können Sie sich in Mexiko oder Argentinien oder wo auch immer eine neue Niere und ein schönes Leben kaufen. Sie werden niemals auf das Weingut zurückkehren und Ihre Tochter in Frieden lassen. Sadie hat kein Interesse an einem Skandal, sie möchte dieses Kapitel nur hinter sich bringen. Jack Halverston ist Ihnen auch keine Hilfe, falls Sie darauf spekulieren sollten. Just in dieser Sekunde sitzt er gefesselt im Wohnzimmer Ihrer Tochter, die übrigens für Mathis’ Tod verantwortlich ist. Ich kann nicht leugnen, dass es mich ein klein wenig angetörnt hat, wie sie ihn mit dem Messer attackiert hat. In meinem Kopf stimmen einige Dinge ganz gehörig nicht, müssen Sie wissen.« Ich zwinkerte ihm zu.
»Okay«, flüsterte er kaum hörbar.
»Was genau? Das Luxusleben in Südamerika mit neuer Niere oder ein fader Aufenthalt im Staatsgefängnis?«
»Südamerika. Ich verschwinde.«
»Es freut mich, dass Sie vernünftig sind. Ich war so frei, bereits einen Rollstuhl mitzubringen. Eine Warnung vorweg: Sollten Sie auf dem Weg zum Auto auf dumme Gedanken kommen, wird es sehr hässlich. Habe ich mich klar ausgedrückt?«
Er nickte.
»Ich kann Sie nicht hören.«
»Ja«, presste er hervor. »Sie haben sich klar ausgedrückt.«
»Wunderbar.« Ich stand auf, schob die Waffe in meinen Hosenbund und holte den Rollstuhl, bevor ich ihm half, darin Platz zu nehmen.
»Warum tun Sie das?«
Ich zuckte mit den Achseln. »Wollen Sie die Wahrheit oder soll ich aus Anstand lügen?«
»Die Wahrheit.«
Ich öffnete die Zimmertür und begutachtete den leeren Flur. Die Luft war rein und ich konnte Sadies Vater ungestört zum Aufzug fahren. Während wir auf den Lift warteten, schwiegen wir. Erst in der Kabine antwortete ich auf seine Frage: »Ursprünglich hat sie mir mehr Geld geboten als Mathis, aber dann hat sich herausgestellt, was für ein herausragender Fick sie ist, weshalb es mir wesentlich unterhaltsamer schien, sie am Leben zu lassen.« Ihr Vater gab ein ersticktes Geräusch von sich, was mir ein Lächeln entlockte. Ich tätschelte seine Schulter. »Habe ich Sie nicht gewarnt? Es ist vermutlich besser, wenn Sie mir nicht so viele Fragen stellen.«
Trotz der späten Stunde hinderte uns niemand daran, das Krankenhaus zu verlassen. Ich verfrachtete Jason auf den Beifahrersitz, brachte den Rollstuhl zurück ins Foyer und setzte mich danach hinters Steuer.
»Ich brauche etwas gegen die Schmerzen«, keuchte mein unfreiwilliger Gast.
»Kein Problem.« Ich öffnete das Handschuhfach und holte die Spritze hervor, die ich vorbereitet hatte. Er zuckte zusammen, als ich sie ohne Vorwarnung in seinen Oberschenkel rammte. »Autsch.«
»Keine Sorge. Der Schmerz geht gleich vorbei.«
Ich fuhr vom Parkplatz und in Richtung meines Hauses. Zuerst bemerkte Jason nichts davon, bis ich an der vorletzten Kreuzung rechts abbog, obwohl das Schild nach links verwies, wenn man zum Flughafen wollte.
»Wir sind hier falsch.« Sadies Vater klang atemlos.
»Wie geht’s mit den Schmerzen?«
»Viel besser.«
Ich nickte. »Und mit dem Rest?«
»Welcher Rest?«
»Spüren Sie Ihre Beine? Oder die Arme?«, wollte ich wissen.
»Großer Gott.« Er riss die Augen auf, weil ihm schlicht keine anderen Regungen mehr zur Verfügung standen. »Was haben Sie getan?«
»Ihnen einen kleinen Cocktail gespritzt – meine eigene Mischung, wenn Sie so wollen.« Ich bog ab und und fuhr in meine Einfahrt, wo ich vor dem Garagentor parkte. »Nicht weglaufen. Ich bin gleich wieder da.« Mit den Worten stieg ich aus und ging ins Haus, um aus dem Operationssaal eine Bahre zu holen. Als ich zurückkehrte, hatte Jason Schweißperlen auf der Stirn. Ich löste seinen Sicherheitsgurt und hievte ihn auf die Bahre. Nachdem ich die Lederriemen geschlossen hatte, damit er nicht herunterfiel, drückte ich einen Knebel zwischen seine Lippen.
Dann schob ich ihn ins Haus und sperrte hinter mir ab. Nachdem ich ihn unter der großen Lampe positioniert hatte, schaltete ich die Soundstation ein und zog mir Gummihandschuhe an. »Sehen Sie, Jason, Sadie hat für meinen Geschmack ein viel zu gutes Herz. Ich bin nicht so … feinfühlig.« Damit wandte ich mich ab und nahm das Skalpell von der Anrichte. »Es ist einfach nicht richtig, was Sie getan haben.« Ich drehte das Skalpell vor seinen Augen, damit er beobachten konnte, wie das Licht sich in der kleinen Klinge brach. Seine Pupillen waren stark geweitet – eine Nebenwirkung des Mittels, das ich ihm gespritzt hatte. Ihm setzte garantiert das helle Licht zu, aber es war mir egal. Der Mistkerl sollte leiden. Ich setzte die Spitze des Skalpells auf seiner Wange an. »Was ist nur in Ihnen vorgegangen? Sie finden heraus, dass Ihre Frau Sie betrogen hat und beschließen, es an der einzigen Person auszulassen, die nichts dafür kann?« Langsam drückte ich die Klinge tiefer, bis er in den Knebel brüllte.
Ich wusste, dass es die Panik und das Druckgefühl waren, die ihn kreischen ließen, denn aufgrund des Mittels spürte er nicht viel. Das wiederum bedeutete, dass ich mir viel Zeit lassen konnte.
Blut tropfte vom Skalpell, als ich es hob. »Sehen Sie es positiv: Ihre Niere ist bald kein Problem mehr. Außerdem wissen Sie Ihre Tochter jetzt in guten Händen. Das ist doch auch etwas, nicht wahr?« Ich legte das Skalpell weg und nahm stattdessen die Rosenschere. »Ich bin nur froh, dass wir noch Zeit haben, uns etwas besser kennenzulernen, bevor ich zu Sadie fahre und ihr berichte, dass Sie auf dem Weg nach Südamerika sind und wie leid Ihnen alles tut.« Ich positionierte aus alter Gewohnheit seinen kleinen Fingern zwischen den Schneideblättern der Schere und drückte langsam zu. »Die Wahrheit wird für immer unser kleines Geheimnis bleiben.«