All Those Ugly Lies – Teil 29

Sadie

»Hey, hey!« Palmer umfasste mein Kinn und brachte mich dazu, ihn anzusehen. »Was kann ich tun, um dir zu helfen?«
Ich rieb mir über die Stirn und kämpfte mit den Tränen. »Keine Ahnung. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was ich machen soll.«
Palmer warf einen Blick zu Jack, der zusammengesunken auf dem Stuhl saß, dann schaute er zu mir. Mit dem Daumen streichelte er beruhigend meine Wange. »Mach dir keine Sorgen. Gemeinsam bekommen wir alles hin.«
Beinahe hätte ich geschnieft, weil ich unvermittelt lachen musste. »Gemeinsam? Ich dachte, ich würde unter dem Einfluss von Hormonen stehen. Haben sie dich jetzt etwa auch erwischt?«
»Vielleicht.« Er zuckte mit den Achseln und schob seine Hand weiter nach hinten, bis er meinen Nacken packte, mich zu sich zog und küsste. Ich öffnete den Mund für ihn. Eine Weile lang schaffte ich es, mich bloß dem Kuss hinzugeben und nicht nachzudenken.
Palmer lehnte seine Stirn gegen meine. »Ist Jack eigentlich dein Typ?«
Ich machte mich los und starrte ihn an. »Was ist das für eine merkwürdige Frage? Außerdem ist gerade wohl kaum die richtige Zeit für diese Diskussion.«
»Ist das ein Ja?«
»Spinnst du?« Ich reckte das Kinn. »Was soll das?«
Für ein paar Sekunden hielt Palmer trotzig meinem Blick stand, bevor er seufzte. »Ich weiß auch nicht. Irgendwie bin ich nicht mehr in der Lage, rational zu denken, wenn es um dich geht. Hormone sind eine fiese Sache.«
Es flatterte in meiner Brust und plötzlich wagte ich kaum, zu atmen. Es war selten, dass Palmer sich öffnete. Für ihn kam das, was er gesagt hatte, wahrscheinlich bereits einer Liebesbekundung gleich. Ich legte die Hand um seine Wange, stellte mich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss. »Nein, Jack ist nicht mein Typ. Er hat etwas an sich, das mir einen Schauer über den Rücken laufen lässt. Deshalb hätte ich mich wirklich über eine potenzielle Warnung vor ihm gefreut.«
»Schon gut, schon gut.« Palmer nickte. »Beim nächsten Mal bin ich ehrlich.«
»Beim nächsten Mal? Schmiedest du etwa Zukunftspläne?«
»Ich sage jetzt gar nichts mehr.« Ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel.
Ich genoss das Gefühl der Schmetterlinge in meinem Bauch, ehe ich einen weiteren Blick auf den gefesselten Cop warf, der mitten in meinem Wohnzimmer saß. »Palmer, bitte sag mir, was ich tun soll.«
»Das kann ich dir leider nicht abnehmen. Die Frage ist wohl eher, was du tun möchtest.«
Ich biss mir auf die Unterlippe. »Im Grunde kenne ich jetzt das Motiv meines Vaters und um ehrlich zu sein, möchte ich ihn nicht mehr in meiner Nähe haben. Allerdings könnte das schwer werden, weil ich an dem Weingut hänge. Bevor ich die Zeit bei dir verbracht habe, dachte ich, mir würde hier alles auf die Nerven gehen, doch das Gut und meine Mum habe ich am meisten vermisst.«
Palmer legte den Kopf schräg. »Ist dein Vater verhandlungsbereit?«
»Wohl kaum, sonst hätte er sich nicht die Mühe gemacht, einen Killer anzuheuern, um mich aus dem Weg zu schaffen.«
»Streng genommen sollte ich dich nicht umbringen. Mein Service beinhaltet lediglich das Entsorgen von Leichen.«
Ich runzelte die Stirn. »Die Leute auf deinem Tisch wirkten sehr lebendig.«
»Das ist etwas anderes.«
»Aha.« Ich stemmte eine Hand in die Hüfte. »Gerade hilft mir diese Diskussion nicht weiter.«
»Biete deinem Vater Geld.«
»Was?« Langsam hob ich den Blick und schaute Palmer an.
»Er braucht eine Niere und du willst ihm aus dem Weg haben. Biete ihm Geld, setze ihn in das nächste Flugzeug Richtung Südamerika und dein Problem ist aus der Welt.«
Ich dachte nach. »Die Idee ist nicht schlecht, aber was ist mit Mum? Und wie bringe ich meinen Vater dazu, tatsächlich in den Flieger zu steigen?«
»Wie sehr vertraust du deiner Mutter?«
»Sehr.«
»Dann sag ihr die Wahrheit. Du könntest meine Rolle in der Geschichte etwas beschönigen, damit ich keinen grauenvollen ersten Eindruck hinterlasse, aber sonst sei ehrlich zu ihr.«
Ich schnappte gespielt entsetzt nach Luft. »Du willst meine Mutter kennenlernen? Planst du etwas Längerfristiges mit uns oder wie habe ich das zu verstehen?«
Palmer verzog bloß das Gesicht. »Was soll ich sagen? Ich mag einfach die Art, wie du bettelst.«
»Blödmann!« Ich schlug nach ihm.
Lachend fing er meine Handgelenke ab und küsste meine Fingerspitzen. »Um deinen Vater kümmere ich mich. Wenn ich im Krankenhaus mit Bargeld und gefälschten Papieren auftauche und ihm erkläre, was ich über ihn, Mathis und Detective Jack Halverston weiß, wird er unter Garantie freiwillig ins Flugzeug steigen.«
Mit einem Mal fühlte ich mich den Tränen nah. »Wirklich? Das würdest du für mich tun?«
Palmer lächelte. »Selbstverständlich.«
Ich atmete durch und versuchte, meine rasenden Gedanken zu beruhigen. »Okay. Okay. Okay.« Das Blut rauschte in meinen Ohren, bis ich plötzlich völlig ruhig war. »Ich glaube, du hast recht. Mum sollte ich davon erzählen und du bringst Dad zum Flughafen.«
»In Ordnung. Kommst du mit Jack klar, falls er aufwacht?« Palmer warf einen Blick auf seine Uhr.
»Du willst direkt los?«
»Ja, ich glaube nicht, dass die Ärzte zustimmen, ihn aus dem Krankenhaus zu entlassen. Deshalb ist es sicherer, ihn in der Nacht zu holen.«
Ich nickte. »Jack ist kein Problem. Er ist gefesselt. Ich warte einfach auf dich und überlege mir in der Zeit, was ich meiner Mutter morgen sage. Denn ich würde sie nur ungern mitten in der Nacht wecken.«
Palmer lächelte, beugte sich vor und gab mir einen Kuss auf die Wange. »In ein paar Stunden bin ich wieder da.«
»Danke.«
»Nichts zu danken. Soll ich dir meine Waffe hierlassen?«
»Nein. Ich nehme einfach Jacks, falls etwas sein sollte.«
»Bis später, Darling.« Palmer gab mir einen weiteren Kuss und verschwand dann in die Nacht.

***

Ich war in andere Kleidung geschlüpft und hatte im Sessel neben dem Fenster Stellung bezogen. Auf dem kleinen Beistelltisch neben mir lag Jacks Waffe, ich hatte ein Glas Wein in der Hand, aber noch nichts getrunken.
Es war lediglich ein beruhigendes Gefühl, das Glas zu halten, weil es sich so vertraut anfühlte. Palmer war vor neunzig Minuten aufgebrochen und ich musste mich beherrschen, ihn nicht mit Textnachrichten zu bombadieren, um zu erfahren, ob mein Vater zugestimmt hatte.
Ich knabberte an meinem Daumennagel, als Jack begann, sich zu regen. Er ächzte, dann hob er den Kopf. Es dauerte nicht lange, bis er vollkommen wach war. Sein Blick wanderte von seinen Fesseln zu mir und seiner Pistole neben mir. Er lächelte, doch es wirkte nicht im Mindesten freundlich. »Sadie, du solltest dir genau überlegen, ob du das wirklich tun möchtest.«
»Bisher habe ich nichts gemacht. Es erschien mir lediglich sicherer, dich zu fesseln, bis wir die Situation geklärt haben.«
Er lachte freudlos. »Was gibt es da zu klären?« Er wandte sich um und reckte den Hals. »Wo ist Palmer, die miese Ratte?«
»Ihr mögt euch nicht?« Ich stellte das Glas weg.
Jack schnaubte. »Ich dachte, wir wären Freunde, allerdings scheine ich mit dieser Meinung allein dazustehen.«
»Siehst du? Wir sind uns gar nicht so unähnlich. Ich dachte, die Polizei wäre mein Freund und Helfer und nicht dazu da, Mordkomplotte gegen unschuldige Menschen zu schmieden.«
»Business ist Business. Persönlich habe ich nichts gegen dich. Dein Vater hat mich kontaktiert und ich habe ihn weitervermittelt. Fragen habe ich keine gestellt. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, bin ich neugierig: Wie hast du Palmer dazu bekommen, Mathis zu töten? Das sieht ihm gar nicht ähnlich.«
»Er hat ihn nicht umgebracht. Ich war es.«
Jack starrte mich sehr lange an, ohne etwas zu sagen. Schließlich schüttelte er nur einmal kurz den Kopf, als wolle er einen unangenehmen Gedanken vertreiben.
Ich überlegte, wie ich am besten herausfand, was Jack jetzt vorhatte, als es an der Tür klopfte. Wir erstarrten beide. Es war inzwischen weit nach Mitternacht und kaum die geeignete Zeit für einen Besuch.
Mein Herz schlug schneller. Palmer würde nicht klopfen und bei keinem anderen konnte ich es riskieren, dass er Jack sah. Ich nahm die Waffe in die Hand. »Kein Wort«, zischte ich zu Jack.
Es klopfte erneut. »Sadie?«, erklang Murphys Stimme. »Komm schon, mach auf, ich brauche deine Hilfe. Sadie? Ich kann das Licht unter der Tür sehen.«
»Wollt ihr mich eigentlich verarschen?« Jack zerrte abrupt an den Fesseln. »Murphy wusste auch davon?«
Ich hielt die Waffe nach unten und öffnete die Tür einen Spalt. »Hey. Es ist gerade wirklich schlecht.«
Murphy hatte seine Hand in ein Küchentuch gewickelt und presste sie gegen seine Brust. »War das Jacks Stimme?« Er schielte an mir vorbei und pfiff schließlich durch die Zähne.
Ich trat zur Seite, weil mir Leugnen zwecklos erschien. »Komm rein.«
Murphy umrundete den gefesselten Jack. »Was ist passiert?«
Jack kniff die Augen zusammen. »Ihr seid mir wirklich schöne Freunde.«
»Bist du verrückt? Du bist der gruseligste Mensch, den ich kenne. Wir sind keine Freunde.«
»Warum bin ich schlimmer als Palmer?«, wollte Jack wissen.
»Hey!« Ich pfiff auf zwei Fingern. »Auszeit. Könnte mir jemand erklären, woher ihr euch kennt, ob ihr jetzt Freunde seid oder nicht und was du eigentlich hier willst, Murphy?«
»Ich müsste an den Wasserhahn und brauche eine Schmerztablette.«
Mit einem Blick auf Jack führte ich ihn in die Küche. Er drehte den Wasserhahn auf, schlug das Handtuch zurück und hielt seinen Finger unter das Wasser, dazu wimmerte er leise.
»Ist das eine Brandwunde?«
»Ja.«
»Wie kommst du mitten in der Nacht an eine Brandwunde?«
Er stand mit dem Rücken zu mir und ich sah, wie ein Ruck durch seinen Körper ging. »Da ist diese Frau.«
Ich hätte beinahe gelacht. »Und?«
»Wir hatten eine kleine Meinungsverschiedenheit.«
»Und dabei hast du dich verbrannt?«
»So in etwa.«
»Murphy«, ermahnte ich ihn und verschränkte die Arme.
»Es ist Cosette Grignon, okay? Deshalb bin ich überhaupt hier.«
»Die Köchin? Die Finalistin von You Want To Be A Chef? wollte dich nicht ans Wasser lassen, damit du die Wunde kühlen kannst?«
»Sie ist für die Wunde verantwortlich. Es ist passiert, als sie versucht hat, mir eine heiße Pfanne auf die Hand zu stellen. Weil ich zum Glück schnell reagiert habe, hat sie nur den Finger erwischt.«
»Ich bekomme nichts mit«, brüllte Jack aus dem Wohnzimmer.
»Halt die Klappe!«, schrie Murphy zurück. »Ich bin beschäftigt.«
»Obwohl mich brennend interessiert, warum Cosette eine Pfanne auf deine Hand stellen wollte, kann ich mich nicht konzentrieren, während Jack herumschreit.« Ich zog die Küchenschublade auf und holte das Röhrchen mit den Schmerztabletten hervor.
»War der Witz beabsichtigt?« Murphy hob eine Augenbraue.
»Welcher Witz?«
Er hielt seinen Finger hoch. »Dass dich brennend interessiert, was passiert ist.«
Ich zwinkerte ihm zu. »Ups.«
»Sadie, Sadie, Sadie.« Er grinste. »Lass uns nach Jack sehen, bevor er das ganze Weingut zusammenbrüllt.« Murphy nahm eine der Tabletten und schluckte sie herunter.
Gemeinsam gingen wir zurück ins Wohnzimmer. Jack schmollte. »Ich fühle mich verarscht.«
»Warum zum Teufel?«, wollte Murphy wissen. »Ich weiß nicht einmal, wie du darauf kommst, wir könnten Freunde sein.«
»Wir treffen uns regelmäßig und bei euch kann ich ehrlich sein«, fauchte Jack. »Warum ladet ihr mich ein, wenn ihr mich nicht dabei haben wollt?«
Murphy rieb sich mit der unverletzten Hand über die Stirn. »Genau das ist der Punkt: Wir haben dich nie eingeladen. Du hast die gruselige Angewohnheit, einfachaufzutauchen, wo wir sind.«
»Ihr seid jeden Dienstag im Diner! Was ist daran gruselig? Ich dachte, das wäre eben unser Spot.«
»Unser Spot?«
»Unser Klubhaus.« Trotz der straffen Fesselung schaffte Jack es, mit den Achseln zu zucken.
Es tat mir beinahe leid, wie elend Jack wirkte, weil ihm offensichtlich nicht klar gewesen war, dass Murphy und Palmer ihn nicht als ihren Freund betrachteten, aber in diesem Moment hatte ich andere Sorgen.
»Ich weiß nicht, was ich mit ihm machen soll«, sagte ich zu Murphy.
»Reicht es nicht, dass du mich von hinten niedergeschlagen hast?« Jack rümpfte die Nase. »Womit eigentlich? Mir brummt vielleicht der Schädel.«
» Mit einem Hammer.«
Muprhy pfiff durch die Zähne. »Dann drehte euer Streit sich letztens tatsächlich um den Hammer?«
Am liebsten hätte ich mir die Haare ausgerissen. Mit diesem Chaos kam ich nicht zurecht. »Welcher Streit?«
»Der, in dem du zu Palmer gesagt hast, dass der Hammer das falsche Metall hat.«
Ich spürte, wie das Blut in meine Wangen stieg. »Das hat er dir erzählt?«
»Er hat mich angerufen, aber das musst du ihm nachsehen. Palmer ist nicht sonderlich gut, wenn es um Emotionen geht. Er mag dich wirklich.« Murphy lächelte mich an und schon wieder verspürte ich Schmetterlinge im Bauch.
Der Moment hätte perfekt sein können, wenn Jack in diesem Moment nicht angefangen hätte, Würgegeräusche von sich zu geben.
Ich drehte mich zu ihm und deutete auf ihn. »Muss ich wieder den Hammer holen?«