All Those Ugly Lies – Teil 28

Palmer

Ich holte die Flasche Sprudel aus dem Kühlschrank und goss mir ein Glas ein. Langsam zermürbte mich das Warten. Außerdem wusste ich nicht einmal, ob es Sadie recht war, dass ich in ihrem Bungalow auf ihre Rückkehr wartete.
Ich war bei der Aufzeichnung der Kochsendung dabei gewesen und hatte gesehen, wie ihr Vater zu Boden gegangen war. In Anbetracht der Tatsache, dass er den Tod seiner Tochte in Auftrag gegeben hatte, konnte ich nicht behaupten, Mitleid mit ihm zu haben. Ich wollte nur, dass es Sadie gut ging – eine für mich ungewohnte Regung.
Als ich ins Wohnzimmer zurückkehrte, hörte ich die Eingangstür. Es knirschte im Schloss, dann schwang die Tür nach innen auf. Halverston schob gerade sein Lockpick-Set zurück in die Hosentasche. Er hob den Blick und starrte mich an.
Mit dem Glas Wasser in der Hand erreichte ich nicht schnell genug das Messer an meinem Knöchel, doch Halverston zog ohnehin sofort seine Waffe. Er schloss die Tür hinter sich. »Ich wusste es! Verdammt, Palmer!«
»An deiner Stelle würde ich keine voreiligen Schlüsse ziehen.« Ich leerte das Glas und stellte es auf den Wohnzimmertisch.
Halverston folgte jeder meiner Bewegungen mit dem Blick. »Komm mir nicht zu nahe.«
»Ich habe keine Pistole.«
»Bleib trotzdem stehen, wo du bist. Fuck! Wie lange geht das jetzt vor sich?«
»Was meinst du?«
Halverston stöhnte und rieb sich über die Stirn. »Ich habe keine Lust auf diesen Unsinn. Du weißt genau, wovon ich rede. Wie lange vögelst du Sadie? Ich habe mich schon gewundert, warum sie nicht auf meine Avancen eingeht.«
Ich verdrehte die Augen. »Hast du vielleicht die Tatsache in Betracht gezogen, dass du nicht Gottes Geschenk an die Frauen bist?«
Er sah mich an, als hätte ich den Verstand verloren. »Beantworte meine Frage, ehe meine Geduld abläuft.«
»Was willst du machen? Mich umbringen?«
»Warum nicht?« Er zuckte mit den Achseln.
»Abgesehen davon, dass du dir einen neuen Ort suchen müsstest, um unliebsame Leichen loszuwerden, weiß Murphy, wo ich bin.«
Für einen kurzen Moment presste Halverston die Lippen aufeinander. »Murphy weiß auch von dir und Sadie? Ganz ehrlich, Palmer, ich bin enttäuscht. Ich dachte, wir wären Freunde.«
»Freunde? Weißt du überhaupt, was das Wort bedeutet?«
Er wirkte tatsächlich gekränkt. »Wow. Nach all der Zeit bist du endlich ehrlich?«
»Ich habe nie behauptet, dein Freund zu sein. Wir haben eher eine Art Geschäftsbeziehung mit gegenseitigem Nutzen.«
»Sieht Murphy das genauso?«
»Da musst du ihn wohl selbst fragen«, antwortete ich.
»Wow. Wirklich wow. Ich habe euch als meine Freunde betrachtet. Ihr seid die einzigen Menschen, bei denen ich so sein kann, wie ich bin.«
»Soll ich dir ein Freundschaftsband knüpfen?«
»Fick dich, Palmer.« Er hielt seine Waffe weiter auf mich gerichtet und schien durchzukalkulieren, wie er nun vorgehen sollte. »Ich nehme an, dass du weißt, was wirklich in der Hotelsuite passiert ist?«
»Ja.«
An der Art, wie er geräuschvoll ausatmete, war leicht abzulesen, dass er genervt war. »Und was ist passiert?«
»Ich habe gesagt, dass ich es weiß, und nicht, dass ich es dir erzählen werde.«
»Du vergisst, wer ich bin, Palmer. Ich kann dir notfalls ins Knie schießen und meine Kollegen rufen.«
»Wenn du mir bloß ins Knie schießt, kann ich aussagen, was ich alles über dich weiß.«
»Bring mich nicht auf falsche Ideen«, warnte er mich.
»Als ob du nicht ständig mit dem Gedanken spielst, mich umzubringen. Ich habe mehr als einmal darüber nachgedacht, wie ich dich töten würde.«
»Und?«
Ich lächelte. »Lass dich überraschen.«
Er atmete tief durch, bevor er fluchte: »Verdammte Scheiße!« Dann ließ er die Pistole sinken. »Was zur Hölle soll ich jetzt machen?«
»Keine Ahnung.«
»Moment mal!« Er kratzte sich am Hinterkopf. »Leidet Sadie überhaupt an Amnesie?«
Ich sah, wie sich hinter ihm die Tür öffnete, und machte einen Schritt auf ihn zu, damit seine Konzentration auf mich geheftet war. »Das wüsstest du wohl zu gern, nehme ich an.«
Sofort hob er die Waffe wieder. »Ich mache keine Scherze. Bleib stehen oder ich schieße.«
»Ach komm schon. Willst du jetzt mein Freund sein oder nicht?«
Halverston verzog das Gesicht und wollte etwas sagen, als ein dumpfes Geräusch ertönte. Seine Augen rollten nach hinten, ehe er vornüber kippte und unsanft auf dem Boden aufschlug.
Sadie hielt den Hammer mit beiden Händen umklammert. »Ich habe nichts gesagt. So ein Hammer ist wirklich relativ praktisch.«
Ich kniete mich neben Halverston und tastete nach seinem Puls. »Er lebt noch.«
»Gut.« Sie seufzte und schob den Hammer zurück in die Tasche.
»Gut? Ich würde ihn nur zu gern umbringen.«
Sadie fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. So wild, wie ihre Frisur aussah, war es heute nicht das erste Mal. »Ich brauche einen Drink, bevor ich entscheiden kann, ob wir wirklich einen Cop töten sollten.«
Mein Herz flatterte, als sie »wir« sagte. Irgendwie gefiel es mir. Ich folgte ihr in die Küche. »Darf ich ihn wenigstens fesseln und ihm eine Spritze geben, damit wir wissen, wie lange er schläft?«
Sie wedelte mit der Hand. »Tu dir keinen Zwang an.« Dann öffnete sie den Küchenschrank, holte eine Flasche Absolut Vodka Peppar heraus und schraubte den Verschluss ab.
Entsetzt beobachtete ich, wie sie das Zeug tatsächlich trank. Sie bemerkte meinen Blick, sah zur Flasche und wischte sich über den Mund. »Lange Geschichte.«
»Ich will es hoffen. Es gibt keinen Grund, so verzweifelt zu sein.«
»Ist es eine genehmigte Ausnahme, wenn ich herausgefunden habe, dass mein Vater nicht mein Vater ist und vermutlich deswegen einen Killer auf mich angesetzt hat?«
Ich blinzelte dreimal, während ich die Information verarbeitete. »Was?«
Sie seufzte. »Ich glaube, der bewusstlose Cop in meinem Wohnzimmer ist wichtiger als die Geschichte. Lass uns ihn erst versorgen, danach erzähle ich dir alles.«
Eher widerstrebend ging ich zurück und stieß Halverston mit dem Fuß an. »Ich überlasse dir die Entscheidung.«
»Wie wäre es, wenn wir ihn auf einen Stuhl setzen und fesseln? Dann kann ich mit ihm reden, wenn er aufwacht.«
Ich betrachtete sie zweifelnd. »Nur, wenn du mir versprichst, dass wir ihn umbringen, falls du bei dem Gespräch ein schlechtes Gefühl hast. Halverston ist kein sonderlich umgänglicher Typ.«
»Du kennst ihn?« Sadie sah mich überrascht an.
»Ja.«
»Woher?«
»Aus der Army.«
Als sie die Arme verschränkte, ahnte ich bereits, dass ich etwas Falsches gesagt hatte. Sie reckte das Kinn. »Ich nehme an, das ist schon etwas länger her.«
»Ja«, erwiderte ich vorsichtig und überlegte aufgrund ihres lauernden Tonfalls, ob ich vielleicht mein Messer ziehen sollte, um mich im Zweifelsfall verteidigen zu können.
»Wann hast du ihn denn zum letzten Mal gesehen?«
Ups. Ich räusperte mich. »Du meinst vor heute?«
Ihre Augen wurden schmal. Sadie war wirklich zu clever. »Ja. Vor heute?«
»Also …« Ich wollte sie anlügen, ich wollte wirklich – aber aus einem mir nicht erklärlichen Grund konnte ich nicht. »Vor ein paar Wochen im Supermarkt.«
»Vor ein paar Wochen? Im Supermarkt? Als ich schon bei dir war? Willst du mir etwa erzählen, du wusstest, dass er die Ermittlungen leitet?«
»Wenn du es so formulierst …« Ich räusperte mich.
»Ist er dein Freund, wie Murphy dein Freund ist?«
»Um Himmels willen – nein!«
»Was ist er dann?«
Ich suchte nach den passenden Worten. »Er ist … eine Art Kollege. Manchmal bringt er mir Leichen, die ich verschwinden lassen soll. Außerdem hat er den Kontakt zwischen mir und Mathis hergestellt.«
Sadie trat einen Schritt zurück. »Bitte?«
»Halverston steckt mit in der Sache. Da ich ihm aber schlecht verraten konnte, dass du bei mir bist, wollte ich nicht zu genau nachfragen, damit er nicht stutzig wird. Außerdem konnte ich nicht abschätzen, wie gut du schauspielern kannst. Wenn ich dir gesagt hätte, welche Rolle er spielt, hättest du dich ihm gegenüber vielleicht verraten.«
Sie kam zu mir und bohrte ihren Finger in meine Brust. »Ich bin eine exzellente Schauspielerin. Du hast immerhin nie etwas gemerkt.« Sadie öffnete ihren hübschen Mund und stöhnte leise. Es klang dermaßen authentisch, dass es ein Ziehen in meinem Unterleib auslöste.
Sie wollte sich abwenden, doch ich packten ihren Oberarm und zog sie zu mir. »Kein Grund, frech zu werden«, murmelte ich vor ihren Lippen, bevor ich sie küsste.
Sadie öffnete den Mund und wimmerte, als meine Zunge ihre berührte.
Mit großem Bedauern löste ich mich von ihr. »Wir müssen uns um Halverston kümmern. Hast du Klebeband hier? Oder Kabelbinder?«
Sadie nickte und verschwand in der Küche. Ich hörte, wie ein paar Schubladen geöffnet wurden, ehe sie mit einer Rolle Klebeband und einem Stuhl zurückkehrte.
In meiner Hosentasche hatte ich das Etui mit den Spritzen und holte es heraus.
»Will ich wissen, warum du das immer dabei hast?«
Ich runzelte die Stirn. »Für genau solche Situationen.«
»So etwas passiert dir öfter?«
»Nein, aber es ist immer gut, vorbereitet zu sein. Du hast selbst eingesehen, dass der Hammer praktisch war.«
Sie zuckte mit den Achseln und sah zu, wie ich Jack das Betäubungsmittel injezierte. Gemeinsam hoben wir ihn auf den Stuhl und fesselten ihn mit dem Klebeband. Der Kerl war sehr viel schwerer als er aussah.
»So«, sagte ich danach. »Schieß los.«
Sadie atmete geräuschvoll aus. »Mein Vater braucht eine Spenderniere. Aufgrund der – nennen wir es – vergangenen Ereignisse war ich nicht gerade heiß darauf, mich als Spenderin zu melden. Doch es stellte sich heraus, dass unsere Blutgruppen sowieso nicht miteinander kompatibel sind – und dass er nicht mein leiblicher Vater ist.«
»Wow.«
»Du sagst es. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich schätze, dass er esherausgefunden hat. Er wollte wohl das Erbe nicht mit mir teilen und hat beschlossen, mich loszuwerden, damit er sich die Peinlichkeit ersparen kann, mich zu enterben.«
»Scheiße.« Ich schlang die Arme um Sadie, weil ich mir sicher war, dass sie ein wenig Trost gebrauchen konnte. Sie entspannte sich merklich. Ich küsste ihren Scheitel.
»Auf der Rückfahrt hat Mum mir alles gebeichtet. Sie hatte eine Affäre. Zu der Zeit hat Dad sich um nichts anderes als das Gut gekümmert und sie nicht einmal beachtet. Nach einer Weile hat sie aufgegeben, seine Aufmerksamkeit erringen zu wollen. Als sie herausgefunden hat, dass sie schwanger ist, hat sie die Beziehung beendet und den Mann angeblich nie wieder gesehen.«
»Denkst du, sie wusste vom Plan deines Vaters?«
»Ich glaube, sie wusste nicht einmal, dass Dad es herausgefunden hat. Denn unterwegs hat sie mich ängstlich gefragt, ob ich will, dass sie es ihm beichtet.«
»Du hattest einen grauenvoll Tag.«
»Danke.« Sie schnaubte. »Das weiß ich selbst – und wenn ich mir das Wohnzimmer samt des ungebetenen Gasts ansehe, habe ich das Gefühl, dass er noch nicht vorbei ist.«