All Those Ugly Lies – Teil 27

Sadie

Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit stand ich vor dem Kleiderschrank und wusste nicht, was ich Anziehen sollte. Heute würde das Finale dieser merkwürdigen Kochsendung gefilmt werden. Der neueste Coup meines Vaters, um das Weingut noch bekannter zu machen.
Mir kam das Spektakel gelegen, denn auf diese Weise stand ich nicht im Zentrum der ungeteilten Aufmerksamkeit. Ich tastete mich langsam an meine Eltern heran, die beide mit dem Event beschäftigt waren. Bisher bildetete ich mir ein, dass meine Mutter wie immer war, während mein Vater sich deutlich reservierter verhielt.
Ich zog zwei Kleider hervor und überlegte, welches davon ich anziehen wollte. Mir war klar, dass Palmer anwesend sein würde. Auch wenn er ein emotionaler Krüppel war, wollte ich ihm gefallen. Auf der anderen Seite schlich Detective Jack Halverston ständig über das Gut und ich wollte keinesfalls, dass er dachte, meine Bemühungen galten ihm. Mit einem Seufzen hängte ich die Kleider zurück. Vielleicht waren schwarze Jeans und ein seidiges Top besser? Damit wäre ich keinesfalls overdressed, aber trotzdem gut angezogen.
Warum machte ich mir überhaupt Sorgen? Palmer hatte mich die meiste Zeit ungeschminkt und nackt gesehen. Vermutlich war es ihm egal, was ich trug.
Letztendlich entschied ich mich doch für ein Kleid, zog es an und schlüpfte in ein Paar flache Schuhe. Wenn ich den ganzen Tag auf den Beinen war, hatte ich keine Lust auf High Heels. Dafür hing ich im wahrsten Sinn des Wortes zu sehr an meinen Füßen.
Bisher kam ich mit meiner Covergeschichte ganz gut zurecht. Es war zugegebenermaßen nicht schwer, vorzugeben, dass ich mich an nichts erinnerte. Mum hatte mir ein paar Fotoalben gezeigt, was ich geduldig über mich hatte ergehen lassen. Mein Vater hingegen gab permanent vor, beschäftigter zu sein, als er war.
Ich wollte heute die Zeit nutzen, um seinen Schreibtisch zu durchsuchen, sobald er mit den Dreharbeiten beschäftigt war. Sein Sinn für gute Publicity war unübertrefflich, das musste ich ihm lassen, denn als Gegenleistung dafür, dass die Produktionsfirma hier filmen konnte und die malerische Kulisse des Napa Valleys bekam, war mein Vater als Weinexperte für die Sendung ausgewählt worden. Schon während der Aufzeichnung des Halbfinales hatte er die passenden Weine zu den jeweiligen Gängen der teilnehmen Köche in die Kamera gehalten. Die Online-Verkäufe waren an diesem Abend durch die Decke gegangen. Dad wusste genau, wie er den Wein anpreisen musste. Er konnte wortgewandt und charmant sein, wenn er wollte.
Das Halbfinale hatte ich mir angesehen, heute würde ich verschwinden, wenn die Aufnahmeleiterin das Zeichen gab, dass die Kameras liefen. Zwar hatte ich keine Ahnung, wonach ich suchte, aber wenn ich es fand, würde ich es wissen.
Der große Parkplatz war geräumt worden, stattdessen befanden sich dort nun die Kochstationen und eine Zuschauertribüne. Das Wetter war perfekt, die Sonne stand hoch und es ging ein leichtes Lüftchen.
Mum stand am Rand und beobachtete das Treiben. In der Hand hatte sie ein Glas Weißwein.
»Hey«, sagte ich.
»Hallo Schatz. Wie geht es dir heute?«
»Besser. Die Kopfschmerzen sind fast vollständig verschwunden.« Ich lächelte.
»Hast du dich schon an irgendetwas erinnert?«
»Als ich mir die Zähne geputzt habe, dachte ich für einen kurzen Moment, da wäre etwas. Doch beim Versuch, mich zu konzentrieren, hat es sich … es war, als hätte sich der Gedanke hinter eine dichte Nebelwand zurückgezogen.«
Mum streckte die Hand aus und strich über meine Wange. »Das wird wieder vergehen. Die Ärztin sagte, so etwas wäre völlig normal. Habe ich dir eigentlich schon mal erzählt, dass deine Grandma für zwei Tage blind war?«
»Was?«
Sie nickte. »Damals war ich noch ganz klein. Sie ist hier durch die Berge geklettert, ist ausgerutscht und mit dem Kopf auf einem Stein aufgeschlagen. Durch den Aufprall sind ein paar Blutgefäße angeschwollen. Sie haben auf den Sehnerv gedrückt, weshalb sie nichts sehen konnte. Wie durch ein Wunder ist es von allein verschwunden. Du musst nur Vertrauen haben, Darling. Alles wird wieder gut werden.«
Mir wurde warm ums Herz. »Danke.«
»Keine Ursache. Ich bin nur froh, dass du wieder da bist. Wir werden herausfinden, was passiert ist – und selbst wenn nicht: Hauptsache, dir geht es gut.« Sie nickte nach rechts. »Oh, sieh, es geht los.«
Die Aufnahmeleiter stand vor dem Publikum auf der Tribüne und zählte mit den Fingern den Countdown herunter, damit die Gäste auf die Sekunde genau mit dem Klatschen begannen.
»Herzlich Willkommen bei You Want To Be A Chef? – ich bin Ihre Gastgeberin Allison Todd und wir sind beim Finale angekommen.« Sie grinste breit in die Kamera, während die Zuschauer jubelten und klatschten. »An meiner Seite unserer Juroren Ben Christie, Abdul Walker und Willow Docherty. Wir befinden uns im wunderschönen Napa Valley auf dem Weingut von Jason und Carol Eadric. Jason, komm zu mir.«
Mein Vater stand rechts von der Aufnahmleiterin, die ihm ein Zeichen gab, pflasterte sich ein breites Grinsen ins Gesicht und machte zwei Schritte vorwärts. In der Hand hatte er eine Flasche unseres besten Jahrgangs, ein limitiertes Sammlerstück, das er gleich dem Hauptgewinn beisteuern würde.
Er war gerade auf der großen Leinwand hinter den Kochstationen zu sehen, als er sich zusammenkrümmte. Die Flasche fiel aus seinen Fingern, zersplitterte auf dem Boden. Tausende von Dollar versickerten im Kies. Dad sank auf die Knie, blaß und mit Schweißperlen auf der Stirn, dann wurde er bewusstlos.
Die Moderatorin war mit schnellen Schritten bei ihm und fühlte nach seinem Puls. »Ruft einen Krankenwagen!«

***

Als Doktor Douglas, ein langjähriger Freund meiner Eltern, ins Wartezimmer kam, sprang meiner Mutter auf. »Was ist es? Was hat er?«, fragte sie mit ängstlicher Stimme.
»Kommt bitte mit. Dann können wir in Ruhe miteinander sprechen.«
Mum packte meinen Arm und drückte ihn schmerzhaft fest. Gemeinsam folgten wir dem Doktor ein Stück den Gang hinunter, bis er die Tür zu einem nahezu leeren Raum öffnete. Darin stand bloß ein langer Tisch mit drei Stühlen und ein halbleerer Wasserspender ohne Becher. Meine Kehle schnürte sich zu. War das der Raum, der extra für schlechte Neuigkeiten reserviert war?
Momentan wusste ich zwar nicht, wie ich zu meinem Vater stand, aber er sollte nach Möglichkeit nicht sterben, bevor ich die Antworten auf meine Fragen bekommen hatte.
Mit jeder Sekunde schien meine Mum sich fester an mich zu krallen, als müsste ich ihr Halt geben. Die andere Hand hatte sie auf die Brust gelegt. »Bitte, Rupert, was ist mit Jason?«
»Er leidet an akuten Nierenversagen. Es ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel, wie er überhaupt so lange durchgehalten hat. Eigentlich müsste er von Symptomen wie Müdigkeit, Muskelschwäche, Bluthochdruck oder Herzrhythmusstörungen geplagt worden sein, die er ganz offensichtlich ignoriert hat.«
»Akutes Nierenversagen? Was heißt das?«, wollte ich wissen.
Mum schluchzte auf und ließ endlich meinen Arm los.
»Wäre er früher gekommen, hätten wir besser behandeln können. Jetzt …« Der Arzt brach ab und kratzte sich am Hinterkopf. »Er wird eine Nierentransplantation brauchen. Nur ist die Liste der Wartenden lang. Abgesehen davon, dass zwischen dir und ihm eine Blutgruppenunverträglichkeit vorliegt, bevorzugen wir Spender mit Verwandtschaften ersten oder zweiten Grades. Es tut mir leid, dass ich keine besseren Nachrichten habe, Carol.« Er drückte ihre Schulter.
Es rauschte in meinen Ohren. »Soll das heißen, dass keine Verwandtschaft ersten oder zweiten Grades vorliegt? Er ist doch mein Vater.«
Doktor Douglas wirkte unangenehm berührt. »Oh Gott. Ich dachte, du wüsstest …« Seine Stimme verlor sich und er wandte das Gesicht ab.
Meine Mutter war kreidebleich. Ihr Mund öffnete sich, doch nicht ein Wort kam heraus.