All Those Ugly Lies – Teil 25

Sadie

JETZT

Ich hatte mich geweigert, auf dem Untersuchungsstuhl Platz zu nehmen, solange die Polizistin mit im Raum war. Nachdem sie meine Kleidung in eine Beweismitteltüte geschoben und den Dreck unter meinen Fingernägeln hervorgekratzt hatte, wollte ich meine Ruhe haben.
Die Ärztin war erstaunlicherweise auf meiner Seite und raunte mir zu, als die Polizistin unter Protest endlich gegangen war: »Ich mag auch keine Cops.«
»Das ist es nicht einmal. Ich möchte bloß etwas Privatsphäre.«
Ich starrte an die grünlich-beige Zimmerdecke, bis die Ärztin fertig war. Sie schaute mich prüfend an. »Sie haben einige Verletzungen, die entweder auf sehr rauen Sex oder eine Vergewaltigung hindeuten. Können Sie sich daran erinnern?«
»Nein. Ist es sehr schlimm?«
Die Ärztin seufzte. »Das kann ich nicht wirklich beurteilen. Wenn ich sage, dass es nicht schlimm aussieht, verharmlose ich vielleicht, was mit Ihnen passiert ist. Es ist bei Weitem nicht so schlimm wie einiges, was ich in meiner beruflichen Laufbahn bisher gesehen habe. Aber das hilft Ihnen vermutlich nicht weiter.«
Ich zuckte mit den Achseln. »Was soll ich Ihrer Meinung nach machen?«
»Haben Sie Schmerzen?«
»Eigentlich pocht mein Kopf am schlimmsten.«
»Ich kann Sie nur medizinisch beraten.«
Meine nächste Antwort wählte ich sehr bewusst. Ich atmete geräuschvoll aus. »Meine Eltern haben gesagt, ich wäre lange verschwunden gewesen. Vermutlich wird meine Rückkehr Medieninteresse auslösen, oder?«
Sie nickte. »Wenn man bedenkt, wie berühmt Ihre Familie ist, wird es sicherlich zum Top-Thema gemacht werden.«
»Ehrlich gesagt würde ich der Polizei gegenüber lieber nichts von den Spuren erwähnen. Ich kann mich nicht erinnern und will nicht, dass die Medien darüber berichten.«
»Das verstehe ich. Dann sehe ich mir Ihren Kopf an.« Die Ärztin nickte und machte sich daran, die Kopfwunde zu säubern. Im Anschluss desinfizierte sie die Abschürfungen an meinen Handgelenken. »Gute Neuigkeiten: Wir müssen nichts nähen. In ein paar Tagen sind Sie praktisch wie neu.«
»Danke.« Ich versuchte, mir ein Lächeln abzuringen, doch inzwischen schmerzte jeder Knochen und Muskel in meinem Körper.
Sie ging zu einem Schrank, holte einen großen Schlüsselbund aus der Tasche und schloss die Metalltüren auf. Mit ein paar Tabletten auf der Hand kam sie zurück. »Hier, für die Schmerzen. Soll ich die Untersuchung noch ein bisschen rauszögern, oder sollen wir es hinter uns bringen?«
»Ich schätze, ich bin bereit«, murmelte ich und schluckte die Tabletten ohne Wasser.
Aufmunternd drückte sie meine Schulter und verließ das Untersuchungszimmer. Vor der Tür konnte ich sie mit Jack Halverston reden hören, nach einer Weile entfernten sich Schritte. Ich hoffte bereits, keine weiteren Gespräche führen zu müssen, als es klopfte.
»Sadie? Kann ich hereinkommen?«
Verdammt. Ich rang mir ein Lächeln ab. »Ja.«
»Hey«, sagte Halverston und zog sich den Hocker heran, auf dem die Ärztin zuvor gesessen hatte.
Ich hockte immer noch auf der mit Papier bezogenen Liege in einem Leibchen, das an der Rückseite offen war. Ein Traum, um ein schwieriges Gespräch mit einem überaus attraktiven Mann hinter sich zu bringen.
»An was kannst du dich erinnern?« Er sah mich eindringlich an.
Irgendetwas an ihm störte mich schon seit unserer ersten Begegnung vor dem Krankenhaus. Ich konnte es leider nicht genau benennen, aber der Ausdruck in seinen Augen irritierte mich. Abgesehen davon, dass er mich an Palmer erinnerte, wollte er nicht zu seinem betont-lässigen Äußeren passen. Jack wirkte wie eine zu straff gespannte Feder auf mich – bereit, in der nächsten Sekunde aus der Fassung zu springen.
»Nichts. Da ist … einfach nichts.« Ich konzentrierte mich darauf, nach oben rechts zu sehen. In den letzten Tagen hatte ich viel dazu gelesen und Experten waren der Meinung, anhand der Blickrichtung Lügner überführen zu können. Deshalb sah ich nach rechts oben, als würde ich versuchen, mir ein bestimmtes Bild ins Gedächtnis zu rufen. Hätte ich nach links gesehen, wäre Jack unter Umständen versucht gewesen, mir zu unterstellen, ich würde ein Bild konstruieren. »Ich bin im Wald aufgewacht, mein Kopf tat weh, deshalb nehme ich an, dass ich ihn mir gestoßen habe. Wie ich dorthin gekommen bin, weiß ich nicht.«
Er nickte und zog einen Block samt Stift aus seiner Hosentasche. Während er durch die Seiten blätterte, fragte er: »Wie viel haben deine Eltern dir schon erzählt?«
»Nicht viel. Aber in ihrem Haus hingen jede Menge Zeitungsausschnitte an der Wand.«
»Warum sagst du ›ihr Haus‹? Vielleicht wohnst du dort.«
Ich legte den Kopf schräg. Langsam, damit die Schmerzen mich nicht stöhnen ließen. »Bin ich dafür nicht zu alt? Ich meine, ich sehe nicht aus, als wäre ich Anfang 20, oder?«
Er lachte. »Nein. Das tust du nicht. Aber offensichtlich bist du sehr clever.«
Das Kompliment fühlte sich falsch und vollkommen kalkuliert an. In mir erwuchs der Verdacht, dass Jack sich zu jeder Zeit darüber im Klaren war, was er sagte. Versuchte er also, mir weiszumachen, er würde mit mir flirten?
»Keine Ahnung.« Ich legte die Hände in den Schoss und widerstand dem Impuls, an dem Leibchen zu zerren, das ich trug. Jacks eindringlicher Blick machte mich nervös. Nicht mal so sehr, weil ich Angst gehabt hätte, er könnte meine Lügen durchschauen – ich wollte nur einfach nicht sein Interesse wirken.
Obwohl es mir widerstrebte, verglich ich ihn innerlich mit Palmer. Von ihm ging dieselbe Intensität aus. Sobald man im Fokus seiner Aufmerksamkeit stand, hatte man im Grunde verloren. Das konnte ich mir nicht leisten.
»In Ordnung. Wenn es dir recht ist, erzähle ich dir grob, was passiert ist und du gibst mir ein Zeichen, falls du dich an irgendetwas erinnerst. Egal, was es ist.«
»Nur grob?«
»Ich denke, das ist für den Anfang besser, denn so leid es mir tut, es ist keine schöne Geschichte.«
»Oh.« Ich schob mir ein paar Haarsträhnen hinters Ohr und verzog das Gesicht.
Jack berührte mein Knie. »Hast du Schmerzen?«
»Es geht schon.« Dabei starrte ich seine Hand an. Jack war für meinen Geschmack viel zu aufdringlich. Eine Ahnung sagte mir, dass es unter Umständen noch zum Problem werden konnte.
»Am 26. Juni warst du mit deinem Verlobten Mathis Fournier verabredet. Ihr wolltet das Wochenende miteinander verbringen. Löst der Name etwas in dir aus? Mathis?«
Abscheu. Ekel. Zorn. Ich schüttelte den Kopf. »Nein.«
»Ihr wart zusammen essen und habt euch normal verhalten. Die Kellnerinnen und Kellner konnten nichts verdächtiges beobachten. Gegen späten Nachmittag oder frühen Abend seid ihr am Empire Spa Resort angekommen. Sagt dir das etwas?«
Ich bemühte mich, nach oben rechts zu sehen. »Nein. Tut mir leid.«
Er lächelte, aber es erreichte seine Augen nicht. »Du musst dich nicht entschuldigen. Das ist vollkommen normal. Ich mache weiter, in Ordnung?«
Auf mein Nicken hin fuhr er fort: »Um ehrlich zu sein wissen wir nicht, was danach passiert ist. Gegen Mittag am 27. Juni hat die für die Suite zuständige Reinigungskraft geklopft, da kein Bitte-nicht-stören-Schild an der Klinke hing, und fand Mathis’ Leiche. Du warst verschwunden. Bis auf deinen abgebrochenen Absatz und ein paar dunkelblaue Fäden haben wir keine Spur von dir finden können.«
Ich verbarg das Gesicht in den Händen. »Das klingt schrecklich.«
»Es war jedenfalls kein schöner Anblick.«
»Mein Verstand sagt mir, dass ich traurig sein soll, weil jeder von meinem Verlobten spricht, aber in mir … da ist nichts.« Ich seufzte und wandte den Blick ab.
»Deine Erinnerung wird sicherlich zurückkommen und dann wirst du dir wahrscheinlich wünschen, es wäre nicht so. Mathis wurde umgebracht. Es sieht aus, als hätte irgendjemand dich entführt und drei Monate gefangengehalten. Allerdings gab es keine Lösegeldforderung und die Ärztin berichtete, dass sie keine Anzeichen von Missbrauch entdecken konnte.« Jack beugte sich vor und legte die Finger unter mein Kinn. »Wo warst du nur, Sadie?«