All those ugly lies – Teil 24

Palmer

Es war nicht so, als wäre mir die Bedeutung der Worte nicht geläufig. Aber ich hatte mich bereits vor langer Zeit damit abgefunden, niemals geliebt zu werden. Ich war früh genug klug genug gewesen, um vorausahnen zu können, was passieren würde, wenn ich eine Freundin hätte und die Beherrschung verlor.
Daraufhin war es die einzig logische Konsequenz gewesen, keine Beziehungen zu führen. Inzwischen war ich älter und hatte gelernt, mich zu kontrollieren. Doch um ehrlich zu sein mochte ich mein Leben und konnte von niemandem verlangen, mich zu akzeptieren wie ich war.
In Sadies Kopf musste ganz gehörig etwas schieflaufen, wenn sie der Meinung war, in mich verliebt zu sein.
Sanft streichelte ich ihre Wange. »Das sind nur die Hormone. Der Rausch aus Schmerz und Lust wird irgendeine Kurzschlussreaktion ausgelöst haben.«
Sie schaute mich an und für den Bruchteil einer Sekunde konnte ich sehen, dass meine Worte sie verletzt hatten. Ich wollte etwas sagen, da stand Sadies bereits auf. Die Qual war aus ihren Augen verschwunden und sie zuckte mit den Achseln. »Ich schätze, ich sollte lernen, mich zu verteidigen. Trotzdem werde ich den Plan mit der Amnesie durchziehen. Wenn du mir nicht hilfst, werde ich es alleine hinbekommen.«
Ich spürte, dass etwas anders war zwischen uns. Doch es überstieg mein Verständnis, was es war. Ich mochte Sadie und hatte sie gern bei mir – war es das Gleiche wie Liebe? Hätte ich sie bestätigen sollen? Während ich mir mit der Hand durch den Nacken fuhr, erklärte ich: »Ich habe nie gesagt, dass ich dir nicht helfen werde.«
»Gut.« Sie stand auf und verließ die Küche.
Ich folgte ihr mit einigem Abstand, weil ich nicht sicher war, was jetzt passieren würde. Als ich vor der Schlafzimmertür ankam, lagen meine Decke und das Kissen auf dem Boden, darauf thronten die Zahnpasta und meine Zahnbürste.
Ja. Ich hatte definitiv etwas falsch gemacht.

***

Zwei Tage lang kam Sadie kaum aus dem Schlafzimmer. Sie schlich sich meist schnell in die Küche, bevor sie wieder verschwand.
Natürlich hätte ich die Tür eintreten können, aber zum ersten Mal in meinem Leben verspürte ich Hemmungen. Ich konnte sie schlecht packen und so lange schütteln, bis sie mir verriet, was los war. Natürlich hätte ich es versuchen können, nur rechnete ich mir verschwindend geringe Erfolgschancen aus.
Abgesehen davon, dass ich nicht gern auf dem Sofa schlief, konnte ich nicht leugnen, dass ich Sadie um mich herum vermisste.
Ich klopfte. »Es tut mir leid.«
Im Schlafzimmer raschelte es. Ganz leicht hörte ich die einzelnen Bodendielen knarzen, als Sadie versuchte, sich geräuschlos zur Tür zur schleichen.
»Sadie? Es tut mir ehrlich leid. Ich wollte dir nur helfen. Natürlich ist dein Plan vernünftig und der beste bisher.«
Die Tür öffnete sich einen Spalt und Sadie schaute mit nur einem Auge zu mir hoch, das andere war hinter dem Holz verborgen. »Ist das ein Trick?«
»Nein.«
Sie schob die Tür etwas weiter auf. »Du willst mir helfen?«
»Ich zeige dir, wie du dich verteidigen kannst und dann ziehen wir es durch.«
»Morgen.«
»Morgen?« Ich starrte sie an.
»Ja, morgen will ich zu meinen Eltern zurückkehren.«
Ihre Worte lösten ein merkwürdiges Gefühl in meiner Magengegend aus. »Das ist … schnell.«
»Ich habe jetzt genug Zeit gehabt, darüber nachzudenken und finde es nicht schnell. Worauf soll ich warten?«
Mein Mund klappte auf und wieder zu, da ich keine Antwort parat hatte. Stattdessen zuckte ich mit den Achseln. Ich wollte noch nicht, dass Sadie ging – und schon gar nicht unvorbereitet. »Komm mit. Ich möchte dir ein paar Sachen zeigen.«
Sie kam aus dem Schlafzimmer und folgte mir in den Operationssaal. Halverston war gestern aufgetaucht und hatte mir ein neues Opfer mitgebracht. Eigentlich war ich in der Laune gewesen, den Kerl gleich zu töten, bis mir aufgegangen war, dass er ein gutes Übungsobjekt für Sadie abgeben würde.
»Wer ist das?«, fragte sie und beäugte den glatzköpfigen Mann, dessen Gesicht erstaunlich viel Ähnlichkeit mit einem Goldfisch hatte. Der Eindruck wurde durch den Knebel zwischen seinen Lippen zusätzlich verstärkt. Er lehnte sich gegen die Fesseln auf und warf seinen Kopf hin und her, vermutlich in der Hoffnung, Sadie würde ihm helfen.
Ich winkte ab. »Das spielt keine Rolle. Ich dachte mir, ich könnte dir zeigen, wie man einen Menschen effektiv verletzt, damit du dich verteidigen kannst.«
Sadie sah von mir zu dem Kerl und zurück. »In Ordnung.«
Mir wurde mit geradezu schmerzhafter Intensität bewusst, wie sehr ich sie vermisst hatte, obwohl nur zwei Tage vergangen waren. Ich sehnte mich danach, sie zu berühren und zu küssen. Sobald ich ihr alles Nötige beigebracht hatte, würde ich sie ins Schlafzimmer bringen und …
»Palmer?«
»Ja?« Ertappt räusperte ich mich.
»Willst du nicht anfangen?«
»Klar. Zu der anderen Sache …«, begann ich.
Sie unterbrach mich direkt. »Lass uns nicht mehr darüber reden. Ich hätte es nicht sagen sollen. Vermutlich hast du recht und die Hormone waren schuld. Wir machen einfach da weiter, wo wir aufgehört haben. Ich bin dein Sexspielzeug und darf dafür bei dir wohnen. Bald bist du mich los.«
So war es nicht. Die Worte lagen mir auf der Zunge, doch ich brachte sie nicht über die Lippen. Wo war Murphy, wenn man ihn mal brauchte? Er hätte unter Garantie gewusst, was in einer solchen Situation die richtige Reaktion war. Ich wusste, dass ich Sadie bitten sollte, bei mir zu bleiben. Sie bedeutete mir mehr, als mir klar gewesen war. Nur konnte ich kaum von ihr verlangen, geduldig zu warten, bis ich emotionaler Krüppel in der Lage war, meine Gefühle richtig zu deuten. Sadie, ich glaube, ich mag dich, allerdings brauche ich mehr Zeit, um das genauer zu analysieren? Sie würde sich bedanken.
»Ich habe mir die perfekte Waffe für dich überlegt«, sagte ich stattdessen und verfluchte mich innerlich. Was für eine tolle Überleitung.
Sie runzelte die Stirn. »Was spricht gegen ein simples Messer? So hatte ich es mir überlegt.«
»Das könnte man dir unter Umständen zu leicht abnehmen. Du brauchst etwas, das an jeder Körperstelle funktioniert.«
»Ich kann nicht schießen und habe wohl kaum die Zeit, es zu lernen.«
Mit einem Grinsen drehte ich mich zur Arbeitsfläche, ehe ich Sadie meine Wahl präsentierte.
Sie hob eine Augenbraue. »Ein Hammer?«
Ich dachte mir, dass eine praktische Präsentation nicht schaden konnte, und entschied mich für das Knie unseres Opfers. Er heulte in den Knebel und zerrte an den Fesseln. Ich hielt Sadie den Hammer hin. »Willst du mal? Ich habe ihn extra für dich gekauft. Er hat einen pinkfarbenen Griff.«
Sadie sah mich an, als hätte ich den Verstand verloren. »Ein Hammer?«, fragte sie erneut.
»Er ist handlich, niemand wundert sich groß, wenn du ihn in der Handtasche hast und er kann extrem viel Schaden anrichten. Probier es an der Schläfe, damit du weißt, wie fest du zuschlagen musst. Natürlich ist ein Hieb noch nicht tödlich, aber es reicht, um deinen Gegner zu verwirren. Das verschafft dir entweder die Zeit für eine Flucht oder für weitere Schläge.«
Sie nahm den Hammer entgegen. Prüfend wog sie ihn in der Hand, bevor sie unser Opfer taxierte. Der Typ holte panisch Luft und blähte die Nasenlöcher. Sadie schüttelte den Kopf. »Ich kann das nicht. Nicht, wenn ich nicht bedroht werde.«
»Ich werde ihn so oder so töten, falls das irgendwie hilft.«
Sadie ließ den Hammer sinken. »Danke, aber ich passe. Keine Sorge, ich nehme ihn mit und weiß jetzt, wie ich mich verteidigen kann.«
»Stimmt die Farbe nicht?«
Sadie wischte sich mit beiden Händen durchs Gesicht. »Nein. Es ist einfach nur das falsche Metall. Frauen mögen Platin.« Sie rauschte aus dem Operationssaal.
Ich sah ihr hinterher und dann auf den Hammer. Schließlich zog ich mein Handy hervor und wählte Murphys Nummer. »Hey, ich habe eine Frage.«
»Schieß los.«
»Das ist alles rein hypothetisch.«
»Selbstverständlich.« Die Belustigung in seiner Stimme war nicht zu überhören.
»Mal angenommen, ich hätte Sadie etwas geschenkt und sie hätte sich beschwert, weil es das falsche Metall ist, nur um dann zu sagen, dass Frauen Platin bevorzugen – meint sie damit einen Verlobungsring?«
»Da Sadie reich ist, würde ich das schon sagen. Bei anderen Frauen könnte es auch die Kreditkarte sein. Was hast du ihr denn geschenkt?«
»Ich habe doch erklärt, dass es rein hypothetisch ist.«
»Klar. Was hast du ihr denn rein hypothetisch geschenkt?«
»Rein hypothetisch einen Hammer.«
»Ha«, machte Murphy. »Die perfekte Waffe für Sadie.«
Ich nickte dem Typen auf der Metallbahre vor mir bestätigend zu. »Danke. Das habe ich auch gedacht. Sie sieht das anders.«
Murphy schnalzte mit der Zunge. »Um das bewerten zu können, müsste ich die ganze Geschichte kennen.«
»Netter Versuch.«
»Komm schon«, flehte er. »Das ist so spannend. Bis vor ein paar Wochen wusste ich nicht einmal, dass du Gefühle hast.«
»Und schon weiß ich nicht mehr, warum ich dich überhaupt angerufen habe.«
»Weil ich dein einziger Freund bin und ein großer Frauenversteher.«
»Dann bist du mit deiner Angebeteten weitergekommen?«
»Nein. Deshalb muss ich das kompensieren, indem ich dir helfe.«
»Okay, verrate mir, was ich tun soll.«
»Wie wäre es mit ein paar Infos, damit ich eine fundierte Aussage treffen kann?«, versuchte Murphy es erneut.
»Ich glaube, du weißt genug.«
»Wohl kaum. Ich weiß beispielsweise nicht, ob du überhaupt was für Sadie empfindest.«
»Das weiß ich ja selbst nicht. Hast du eine Idee, wie ich es herausfinden kann?« Ich nahm ein Messer von der Arbeitsplatte und ließ es zwischen meinen Fingern herumwandern, um ein wenig der Anspannung loszuwerden. Der Gefesselte vor mir quiekte panisch in den Knebel. Dabei hatte er gar nichts zu befürchten, ich wollte mich lediglich besser konzentrieren können.
»Klar. Stell dir mal vor, du sitzt mit Sadie in einem netten Restaurant.«
»Hm«, machte ich.
»Und jetzt kommt Halverston rein, mit seinem attraktiven Gesicht, dem selbstgefälligen Lächeln und dieser Ich-bin-stinkreich-Attitüde, die er verströmt. Er sieht Sadie und beschließt sofort, sie anzusprechen. Wahrscheinlich nennt er sie direkt Baby und hat einen Platinring parat. Wie fühlst du dich dabei?«
Ich hörte ein Röcheln und sah nach unten. Blut strömte aus der Wunde, die das Messer hinterlassen hatte, als ich es in die Brust des Mannes auf der Bahre gerammt hatte. Ich räusperte mich. »Nicht sonderlich gut.«
»Herzlichen Glückwunsch. Ich würde sagen, du hast Gefühle für Sadie.«