All those ugly lies – Teil 22

Palmer

Nach sechs Wochen hatte das Interesse an Sadies Fall merklich nachgelassen. Für den Geschmack der Medien war sie nicht länger interessant genug für die große Schlagzeile und rutschte Tag für Tag weiter auf der Titelseite nach unten, bis sie nur noch eine Randnotiz auf Seite 5 war.
Als es so weit war, hatte sie mich bereits weichgekocht. Im Haus fiel ihr die Decke auf den Kopf, weshalb ich nach einigem Zögern zustimmte, sie mit in den Supermarkt zu nehmen.
Es war ungewohnt, sie auf dem Beifahrersitz zu sehen, selbst wenn sie eine große Sonnenbrille und eine Cap trug, damit sie niemand erkannte.
»Vielleicht solltest du lieber auf die Straße gucken«, riet sie mir, ohne mich anzuschauen.
»Ich bin eben skeptisch, ob es die beste Idee ist, dich mitzunehmen.«
»Wirklich?«, fragte sie und drehte den Kopf zu mir. In gespielter Überraschung riss sie die Augen auf. »Das habe ich die ersten sechshundert Mal, die du es gesagt hast, gar nicht verstanden.«
Ich hüllte mich in Schweigen. So gern ich Sadie um mich hatte, so sehr war mir in den letzten Wochen aufgefallen, warum ich nie Beziehungen führte. Ich musste nur wenig mit ihr absprechen – doch selbst das war für meinen Geschmack schon zu viel.
Meine Gedanken wanderten zurück zu dem Gespräch, das ich mit Jack und Murphy geführt hatte. Vielleicht war etwas an ihrer Argumentation dran. Offensichtlich bevorzugte ich meine Frauen gerade klug genug für ein Gespräch und alles darüber hinaus war zu anstrengend. Sadie war smart und nicht auf den Mund gefallen. Einen Großteil der Zeit wollte ich sie am liebsten erwürgen, weil sie ständig Widerworte gab oder mir Fragen stellte, auf die ich entweder keine Antwort hatte oder keine geben wollte.
Gleichzeitig machte die Herausforderung sie nur noch interessanter für mich. Obwohl ich es Murphy gegenüber niemals zugegeben hätte, fühlte ich mich wie ein Hund, der seinen eigenen Schwanz jagte. Es war absolut aussichtslos, aber aufhören konnte ich nicht.
Da ich beharrlich schwieg, zuckte Sadie mit den Schultern und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Aussicht zu. »Ich hatte ganz vergessen, wie schön es hier manchmal sein kann.«
»Das ist die Zufahrt zum Industriegebiet.«
»Es ist trotzdem eine andere Aussicht als die ewig gleichen weißen Wänden in deinem Haus. Gott. Bei dir hängt nicht ein Bild.«
»Ich mag es eben ordentlich«, sagte ich und bog in die Zufahrt zum Supermarkt.
»Steril.«
»Clean«, hielt ich dagegen.
»Neurotisch.«
»Ruhig.« Genau diese Wortgefechte mit ihr genoss ich so, obwohl ich es eigentlich hasste, wenn man mir widersprach. Deshalb arbeitete ich am liebsten allein.
»Ruhig?«, wiederholte sie. »Du meinst wohl ›trist‹ oder ›trostlos‹. Wassergeplätscher oder ein knisterndes Feuer sind beruhigend. Deine Wände sind einfach nackt und ich kann es kaum erwarten, knallbunte Cornflakes-Packungen zu sehen.«
»Soll ich die Schlafzimmerdecke für dich streichen?«
Sie zwinkerte mir zu. »Kauf dir lieber bunte Bettwäsche. Ich knie öfter, als dass ich auf dem Rücken liege.« Damit stieg sie aus und ließ mich verblüfft sitzen.
Ich musste mich beeilen, um ihr mit einem Einkaufswagen zu folgen und sie einzuholen. Sie stand vor der Obstauslage. Trotz Sonnenbrille fiel sie nicht im Geringsten auf. Einer der Vorteile im ewig sonnigen Kalifornien.
Ich stellte mich dicht hinter sie und griff an ihr vorbei nach den Äpfeln. »Wenn ich dir öfter die Augen verbinde, schlage ich zwei Fliegen mit einer Klappe. Du fühlst dich gern hilflos und ich muss keine neue Bettwäsche besorgen.«
Es war schön mit anzusehen, wie sie erschauerte und ihr Atem für den Bruchteil einer Sekunde stockte. Sie drehte sich mit einer Schale Erdbeeren in der Hand um. »Klingt gut.«
Ganz entgegen meiner Gewohnheit musste ich gegen den Impuls ankämpfen, sie noch an Ort und Stelle zu küssen. Eigentlich gab es keinen Grund, es nicht zu tun, aber ich wollte nicht mehr Aufmerksamkeit als nötig auf uns lenken. Es war ohnehin schon ein Risiko, dass ich ihr erlaubt hatte, vor die Tür zu geben.
Sadie stellte die Erdbeeren in den Einkaufswagen und schob ihn in den nächsten Gang. »Ich möchte übrigens festhalten, dass ich mich nicht grundsätzlich gern hilflos fühle. Das ist nur so ein Sex-Ding mit dir.«
»Sex-Ding? Gut zu wissen.« Ich hörte ihr gar nicht richtig zu, weil ich damit beschäftigt war, dem Schwung ihrer Hüften zu folgen, während sie vor mir lief. Irgendwie fiel es mir immer leichter, über die negativen Aspekte hinwegzusehen. Je weniger bekleidet Sadie war, desto leichter wurde es.
Wir waren bereits an der Fleischtheke, als mir auffiel, dass ich eigentlich noch mehr Obst hatte mitnehmen wollen, das ich für ein Rezept brauchte.
Als ich mit der Papaya wiederkam, stand der Wagen verwaist dort, wo ich ihn und Sadie zurückgelassen hatte. Ich sah mich um. Wohin wäre ich gegangen, wenn ich Sadie wäre?
Mein Blick blieb an dem Schild mit der Aufschrift »Wein« hängen. Ich ging in die Richtung und konnte Sadie bereits sehen, bevor ich selbst den Gang betreten hatte. Sie war in Gedanken versunken und hielt eine Flasche Rotwein vom Gut ihrer Eltern in der Hand. Da sie nach unten schaute und die Sonnenbrille trug, konnte ich ihren Gesichtsausdruck nicht deuten.
Vielleicht vermisste sie ihr Zuhause oder ihre Mutter. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie ihren Vater sonderlich vermisste, seit sie wusste, dass er zusammen mit Mathis ihren Tod geplant hatte. Noch während ich überlegte, ob ich ihr einen Moment Zeit lassen sollte, bog von der anderen Seite ein Mann in den Gang. Er wirkte wie der typische Silicon-Valley-Millionär, der viel zu viel Zeit und Geld darauf verschwendete, wie ein lässiger Surfer zu wirken.
Statt sich für einen Wein zu entscheiden, beäugte er Sadie. Nachdem er viel zu lange ihre nackten Beine angestarrt hatte, nahm er seinen Mut zusammen. »Hey, kann ich helfen? Du wirkst ein wenig verloren.«
Ich musste mich zusammenreißen, um nicht zu lachen. Großartiger Anmachspruch. Aber woher sollte der Kerl auch wissen, dass die Frau vor ihm mehr von Wein verstand, als das gesamte Supermarktpersonal und er zusammen.
Es würde sicherlich lustig werden, dabei zuzuhören, wie sie ihn zurechtwies. Sadie konnte eine regelrechte Furie sein, wenn sie wollte. Ich war bereit, das Schauspiel zu genießen, als sie mich mit ihrer Antwort vollkommen verwirrte.
»Das ist nett«, flötete sie. »Ich bin ein wenig verloren. Was passt wohl am besten zu Fisch?«
»Weißwein.« Er strahlte sie an.
Sadie biss sich auf die Unterlippe, stellte den Rotwein weg und nahm stattdessen eine Flasche Weißwein.
Damit bot sie dem Trottel die perfekte Vorlage, sich weiter aufzuspielen. »Was für ein Fisch wird es denn?«
»Ich dachte an Forelle.«
Es verwirrte mich, dass sie das Blaue vom Himmel log. Wir hatten nicht geplant, Fisch zu essen – ganz im Gegenteil, denn als ich es vorgeschlagen hatte, war Sadie angewidert gewesen.
Mit einem widerlichen Grinsen holte der Typ eine andere Flasche aus dem Regal. »Der hier ist perfekt.«
Sadie ließ ihre Wimpern flattern. »Danke. So eine Hilfsbereitschaft erlebt man ja selten.«
Er schien nur auf das Stichwort gewartet zu haben und kam näher. »Gern geschehen. Vielleicht kann ich beim Kochen helfen?«
Ich erwartete, dass Sadie ihm eine Abfuhr verpasste. Stattdessen beobachtete ich fassungslos, wie sie schüchtern lächelte und eine Haarsträhne um ihren Finger wickelte. »Wie könnte ich da ablehnen?«
Ich sparte mir den Rest und verschwand, während der Kerl sein Handy aus der Hosentasche holte, um Sadies Nummer einzuspeichern. Das musste ich mir nicht unbedingt ansehen. Außerdem war die Gefahr zu groß, dass ich ihn mitten im Weingang umbrachte. Ich konnte Sadie nicht predigen, dass wir keine Aufmerksamkeit erregen durften, nur um anschließend die Kehle eines Mannes mit einer abgebrochenen Weinflasche durchzuschneiden. Die Vorstellung war allerdings sehr verlockend.
Innerlich kochte ich vor Wut, als ich zum Wagen zurückkehrte. Vielleicht sollte ich Sadie einfach hier stehenlassen. Weißwein. So ein Bullshit. Ich wusste nicht einmal, warum ich mich überhaupt dermaßen aufregte. Mit einem kurzen Schnauben schüttelte ich den Kopf. Forelle. Wie beeindruckend, einen Weißwein zur Forelle zu empfehlen. Unglaublich. Ich hätte Sadie zu Hause lassen sollen. Am besten eingesperrt in der Zelle, damit ihr wieder einfiel, dass sie sich mir gegenüber ruhig etwas dankbarer zeigen konnte, statt mit dahergelaufenen Vollidioten zu flirten.
Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sie endlich zum Wagen zurückkehrte. In der Hand hatte sie den Rotwein, den sie zuerst ausgesucht hatte.
»Alles okay?« Sie runzelte die Stirn.
»Was soll denn nicht okay sein?« Ich hob eine Augenbraue. Dabei war ich in Wahrheit erstaunt, wie mühelos Sadie hinter meine Fassade sehen konnte.
»Ich frage nur. Kein Grund, gleich beleidigt zu sein. Haben wir alles?«
Statt einer Antwort begnügte ich mich mit einem knappen Nicken und schob den Wagen Richtung Kasse.
»Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?«, fragte sie, nachdem wir unseren Einkauf aufs Band gelegt hatten.
»Ja.«
Sie wirkte nicht überzeugt, sagte aber nichts mehr, bis wir am Auto waren. Wir luden alles in den Kofferraum und am liebsten hätte ich Sadie dazugelegt, um mich nicht mehr mit ihr auseinandersetzen zu müssen.
Sie brachte den leeren Wagen weg und ich parkte aus. Wenn ich jetzt fuhr, was ich das Problem im wahrsten Sinn des Wortes los. Doch dafür war selbst ich zu anständig, weshalb ich wartete, bis sie auf dem Beifahrersitz saß.
»Okay, Palmer, was ist los?«
»Keine Ahnung.«
»Wie lange willst du jetzt noch beleidigt spielen, ohne mir zu sagen, warum du eingeschnappt bist?«
»Ich bin nicht eingeschnappt.«
»Natürlich nicht.«
Ich fuhr vom Parkplatz und überlegte, wie lange ich wohl durchhalten musste, bis Sadie das Interesse an dem Gespräch verlor. »Warum sollte ich beleidigt sein?«
»Keine Ahnung. Deshalb frage ich ja. Ich habe schließlich nichts gemacht, aber deine Laune ist merklich schlechter geworden.«
»Vielleicht liegt es daran, dass du den passenden Weißwein zur Forelle nicht mitgebracht hast.« Ich wollte mir auf die Zunge beißen, weil ich meine Klappe nicht hatte halten können.
»Grundgütiger!« Sie rollte mit den Augen. »Deshalb bist du sauer?«
»Ich bin nicht sauer.« Vermutlich wäre meine Argumentation etwas glaubwürdiger gewesen, wenn ich in diesem Moment nicht viel zu schnell beschleunigt hätte, was dem Motor ein Aufheulen entlockte.
»Du bist einfach keine Frau.«
»Was soll das bitte heißen?«
»Weißt du, wie oft ich angeflirtet werde, wenn ich allein unterwegs bin? Von den Pfiffen und dummen Sprüchen von Bauarbeitern mal abgesehen?«
»Nein.«
»Oft«, erklärte sie. »Und der Typ war ein Paradebeispiel. Ich war mit Sicherheit heute schon die fünfte Frau, die er angesprochen hat. Sein Aftershave hat zehn Meilen gegen den Wind gestunken – das ist fast wie eine mathematische Gleichung: zu viel Aftershave bedeutet zu viel Ego. Ich habe brav seinen Wein-Ratschlag befolgt und eine falsche Nummer in seinem Handy eingespeichert. Er hatte bereit dreimal den Namen Susan im Telefonbuch. Ich bin jetzt die vierte und die Nummer führt ins Nichts.«
»Aha.«
Sadie seufzte. »Du verstehst es nicht. Das Ego des Typen ist gestreichelt und er hat zwanzig Sekunden danach bereits vergessen, dass er mich überhaupt getroffen hat. Wenn ich ihm den Unterschied zwischen einem guten Weißwein und dem Gebräu erklärt hätte, das er mir andrehen wollte, wäre sein Ego die nächsten zwei Wochen damit beschäftigt, die Schmach zu verarbeiten. Nachher zerbricht er sich den leeren Kopf so lange, bis ihm auffällt, dass die blöde Kuh vom Weinregal irgendwie Ähnlichkeit mit Sadie Eadric hat.«
Im ersten Moment wusste ich nicht, was ich dazu sagen sollte, da ihre Argumentation so gesehen Sinn machte. Das wollte ich genauso wenig zugeben, wie ich Lust hatte, darüber zu reden, warum das Ganze mich überhaupt dermaßen aufgeregt hatte.
Es war ja nicht so, als wäre Sadie meine Freundin.
Mir wurde klar, dass ich das Lenkrad umklammerte, und zwang mich, den Griff zu lockern. Eigentlich hatte ich gedacht, die Faszination für Sadie würde schneller nachlassen. Stattdessen fühlte es sich an, als würde sie jeden Tag ein wenig stärker werden. Ich vertrieb den Gedanken. »Es spielt keine Rolle. Ich hätte ohnehin nicht zugelassen, dass du auf ein Date mit ihm gehst.«
»Bist du verrückt? Ich bin mit dir vollkommen ausgelastet.«
Ihre Worte besänftigten mich und ich legte eine Hand auf ihr Knie. »Das will ich auch hoffen.«
Sie warf mir einen Blick zu, der deutlich besagte, dass sie in meinem Verstand zweifelte.
»Also steht ihr gar nicht drauf, wenn euch Komplimente hinterhergerufen werden?«
»Ich ganz bestimmt nicht.« Sie legte ihre Hand auf meine. »Ich würde sagen, dass ich eher auf den starken, schweigsamen Typen stehe.«
»Bin ich ein starker, schweigsamer Typ?«
Sie grinste. »Na, an Murphy habe ich bestimmt nicht gedacht. Allerdings verstehe ich nicht so ganz, warum es dich auf einmal so brennend interessiert, worauf ich stehe. Ich dachte, unser Deal beinhaltet Sex und nicht mehr.«
»Darf ich deshalb nicht mehr neugierig sein?«
»Doch. Es kommt mir nur merkwürdig vor, dass du eifersüchtig bist.«
»Ich bin nicht eifersüchtig.«
Sadies Mundwinkel zuckten. »Dann ist ja alles in Ordnung.«
»Wenn ich sage, dass ich nicht eifersüchtig bin, stimmt das schon. Bisher war ich noch nie eifersüchtig. Warum sollte ich auch? Du bist mein Spielzeug und wohnst bei mir. Du hättest überhaupt keine Chance, dich mit dem Kerl zu treffen.«
»Ich könnte mir einfach ein Taxi rufen.«
»Und ich könnte dich einfach anketten.«
Sadie verschränkte die Arme. »Ich würde so schnell verschwinden, dass es für die Ketten längst zu spät wäre.«
»Von mir aus.« Ich zuckte mit den Achseln. »Trotzdem kannst du vor mir nicht flüchten. Ich würde dich überall finden.«
»Und?«
»Was ›und‹?«
»Ich will wissen, was du machen würdest, wenn du mich gefunden hast.« Sadies Lächeln war verdammt aufreizend geworden.
»Den Kerl töten, der es gewagt hat, dich anzufassen, bevor ich mir eine passende und schmerzhafte Strafe für dich überlege.«
»Fuck!« Sadie biss sich auf die Unterlippe und dieses Mal wirkte es sehr viel überzeugender als im Supermarkt. »Streiten wir noch oder ist das schon Vorspiel?« Das Schnurren in ihrer Stimme bescherte mir beinahe eine Latte.
»Du glaubst hoffentlich nicht, dass ich dich für dein Verhalten belohnen werde.«
Sadie streckte ihre Hand aus und legte sie genau in meinen Schritt. »Aber es törnt mich an, wenn du solche Sachen sagst.«
Ich musste mich beherrschen, um nicht zufrieden zu grinsen. »Auf gar keinen Fall.«
»Und wenn ich ganz lieb Bitte sage?«
Mein Schwanz zuckte. »Das muss ein ganz besonders überzeugendes ›Bitte« sein.«
»Ich glaube, das bekomme ich hin.«