All Those Ugly Lies – Teil 20

Palmer

Meine Laune brach schlagartig ein, als ich Murphys Auto in der Einfahrt sah. Ich parkte neben ihm, stieg aus und wollte ihn fragen, ob er nichts Besseres zu tun hatte. Warum wartete er, bis ich nach Hause kam?
Mir wurde schlagartig flau im Magen. Murphy saß nicht in seinem Wagen. Da er wohl kaum einen kleinen Spaziergang durch die Nachbarschaft machte, bedeutete es, dass er drinnen war.
Bei Sadie.
Ich rannte förmlich zur Haustür und bekam den Schlüssel erst im zweiten Versuch ins Schloss. Die Muskeln in meinem Nacken zogen sich auf unangenehme Weise zusammen, als ich das Haus betrat.
Im Foyer lagen Glassplitter. Der Grund versetzte mir einen Stich: Meine Skulptur stand nicht länger auf dem Sockel. Erstaunlicherweise ließ es mich allerdings kalt, weil ich mir wesentlich größere Sorgen um Sadie machte.
Sämtliche Türen waren geöffnet – sowohl die zur Küche und zum Wohnzimmer als auch die zum Operationssaal und dem Raum dahinter, in dem der Ofen stand. Was zum Teufel war hier passiert?
Ich folgte der kleinen Spur aus Blut in die Küche. Sadie saß mit dem Rücken zu mir und fuhr zusammen, als meine Stimme ertönte. Murphy hatte einen der Stühle herumgedreht, sodass er in meine Richtung sah, während er mit einem Wattebausch an Sadies Hand herumtupfte. »Reg dich nicht auf, Palmer. Es ist nichts passiert.«
Erleichterung durchflutete mich, da Murphy und Sadie noch am Leben waren. Zwei Sekunden lang gönnte ich mir das Gefühl, bevor es durch Wut vertrieben wurde.
»Was zum Teufel geht hier vor sich?«, grollte ich.
Sadie blickte über ihre Schulter und biss sich auf die Unterlippe. Sie hätte kaum schuldbewusster aussehen können.
»Ich will trotzdem wissen, was passiert ist.« Um mich zu beruhigen zählte ich langsam bis fünf, ehe ich mich den beiden näherte.
Murphy seufzte. »Es ist meine Schuld, okay? Ich habe sie erschreckt.«
»Das stimmt nicht«, protestierte Sadie. »Es war meine Schuld.«
Je länger ich meine hübsche Gefangene musterte, desto mehr rötete sich ihr Gesicht. Sprachen die beiden von der zerstörten Skulptur oder war noch etwas anderes vorgefallen?
Sadie war verführerisch und Murphy hatte keinerlei Selbstbeherrschung, wenn es um Frauen ging. Ich brach den Gedankengang ab, bevor ich die Beherrschung verlor. Wenn Murphy es gewagt hatte, Sadie anzufassen, würde ich ihn ohne Umwege in den Ofen verfrachten – und zwar ohne ihn vorher zu töten.
»Ich wollte nur einen neuen Auftrag vorbeibringen.«
»Schon wieder?« Ich runzelte die Stirn, weil ich ihm kein Wort glaubte.
»Du weißt, dass die Methoden unserer Arbeitgeber keiner Logik folgen.«
»Aha«, machte ich und verschränkte die Arme. »Und wo ist der Auftrag jetzt? Hat er sich zufällig in Luft aufgelöst?«
»Er liegt auf deinem Operationstisch. Wir haben ihn hereingeholt, solange er noch bewusstlos war. Aber dann wollte ich mich erst um Sadies Wunden kümmern.«
Die Wut kroch wie ein roter Nebel in mein Sichtfeld und sorgte dafür, dass ich kaum klar denken konnte. »Kommen wir zum nächsten Punkt: Warum ist sie verletzt?«
Sadie räusperte sich. »Du hast die Tür nicht abgeschlossen.«
»Was?« Ich starrte sie an.
»Die Zellentür. Du hast sie nicht abgeschlossen. Deshalb bin ich nach oben gegangen.«
»Du wolltest fliehen?« Der Gedanke tat mir in der Seele weh. Dabei hatte ich geglaubt, dieses … Ding, das sich meine Seele nannte, wäre bereits vor Jahren eingegangen.
»Nein. Ich dachte, du wärst nach Hause gekommen und habe die Tür aufgemacht. Als ich erkannt habe, dass es Murphy ist, bin ich in Panik geraten und habe die Statue umgestoßen.«
»Das stimmt nicht ganz. Sie wollte von mir davonlaufen, aber ich habe sie erwischt und wir sind gestürzt. Dabei ist die Statue umgefallen. Bei dem Versuch aufzustehen, hat Sadie sich an den Scherben geschnitten.«
Ich musterte die beiden, während ich überlegte, ob ich ihnen glauben sollte, oder nicht. Es gab einen ziemlich leichten Weg, die Story zu überprüfen. Ohne ein weiteres Wort drehte ich mich um und ging in den Operationssaal.
Zumindest in Bezug auf diesen Punkt hatte Murphy nicht gelogen. Ein Mann lag gefesselt auf der Bahre. Als er mich sah, begann er, an den Fesseln zu zerren und in den Knebel zu nuscheln, da er mich offensichtlich für seinen Retter hielt.
Schritte ertönten hinter mir. Ich drehte mich zu den beiden um.
»Bist du sauer?«, wollte Sadie wissen.
»Weswegen genau? Du musst das ein wenig eingrenzen. Ich habe zu viel Auswahl«, presste ich zwischen den Zähnen hervor.
»Es tut mir so leid. Die Statue …«
Ich unterbrach sie mit einer ruppigen Handbewegung. »Vergiss die Statue. Darum geht es nicht. Du solltest in der verdammten Zelle bleiben – damit dich niemand sieht.«
»Murphy hat gesagt, dass du ihm ohnehin schon von mir erzählt hat«, protestierte sie.
»Ach ja? Was hat er dir denn noch alles erzählt?«
Murphy hob beide Hände. »Reg dich nicht auf, Kumpel. Es ist nichts passiert. Ich habe sie nicht angerührt. Es gibt keinen Grund, eifersüchtig zu sein.«
Für einen kurzen Moment ließ ich den Nacken kreisen. Es knackte so laut, dass Sadie zusammenfuhr. Ich schüttelte den Kopf. »Eifersüchtig?«, wiederholte ich. »Eifersüchtig? Ich bin nicht eifersüchtig. Angepisst trifft es eher. Wie oft muss ich Sachen sagen, damit sie in deinen Dickschädel gehen? Und du …« Ich drehte mich zu Sadie. »Warum hilfst du ihm auch noch? Du hattest keine Ahnung, wer er ist.«
»Ich habe ihn nach dem Buch gefragt.«
Ich massierte meine Nasenwurzel mit zwei Fingern. »Buch? Welches Buch?«
Sadie verlagerte ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen. »Du hast gesagt, dass Twilight das Geschenk eines Freundes war. Nichts für ungut, aber du bist nicht gerade der Typ für viele Freunde. Deshalb habe ich Murphy gefragt, ob er dir ein Buch geschenkt hat. Du kannst mir trauen, Palmer, ich bin nicht blöd.«
Murphy betrachtete Sadie verliebt. Dabei fehlten nur noch die Herzen in seinen Augen. »Sie ist so clever. Hübsch und clever.«
»Ja, und sie gehört mir«, knurrte ich. »Sie ist mein hübsches und cleveres Spielzeug.«
»Ich wollte nur den Typen vorbeibringen.«
»Klar. Es ist sehr umsichtig von dir, dass er jetzt Sadies Gesicht auch noch kennt. Was wäre, wenn ihr ihn nicht richtig gefesselt hättet und er abgehauen wäre?«
»Das war meine Idee«, sagte Sadie. »Du brauchst doch den Finger für die Statue. Murphy hat es mir erklärt.«
»Murphy hat es dir erklärt.« Die Fassungslosigkeit schwang in meiner Stimme mit. »Na dann ist ja alles in Ordnung. In bester Ordnung.«
Sadie und Murphy tauschten einen Blick miteinander, was mich nur wütender werden ließ. Sie wirkten wie ein verschworenes Team – und als wäre ich das Problem.
»Beruhig dich, Palmer.« Murphy redete mit mir wie mit einem tollwütigen Tier. »Sadie hat nichts gemacht. Es war alles meine Idee. Der Typ stellt keine Bedrohung da und …«
»Darum geht es nicht. Ich hatte Nein gesagt. Laut, deutlich und mehr als einmal!« Mir war klar, dass ich inzwischen brüllte, aber anders schien Murphy mich nicht zu verstehen. Es war typisch für ihn, Sadie in Schutz nehmen zu wollen. Dabei hatte ich ihr gar nichts unterstellt. Mit einem eisigen Blick schnitt ich ihm das Wort ab. »Es reicht.«
Murphys Mund klappte zu. In diesem Moment wurde uns ziemlich offensichtlich klar, dass wir beide keinen Gedanken mehr an Sadie verschwendet hatten. Gleichzeitig fuhren wir herum. Murphy schnappte nach Luft, ich hingegen schaffte es wie durch ein Wunder, nicht eine Miene zu verziehen.
Sadie hatte sich ein Skalpell genommen und die Unterarme des gefesselten Mannes aufgeschlitzt. Das Blut hatte bereits eine große Pfütze unter der Metallbahre gebildet, sickerte stetig weiter aus den Wunden. Lange würde der Kerl nicht mehr leben. Sie wischte sich mit der Hand durchs Gesicht und hinterließ dabei einen verschmierten Blutfleck auf ihrer Wange. »Wie oft muss ich sagen, dass du mir vertrauen kannst, Palmer?«
Murphy blinzelte langsam. »Sie …«
»Ja«, bestätigte ich mit einem Nicken.
Verwirrt deutete er auf das Skalpell. »Und dann …«
Ich sagte erneut: »Ja.«
»Aber …« Er brach ab und seufzte schwer. »Sie …«
»Ich weiß. Es ist nicht leicht zu verdauen.« Ich tätschelte seine Schulter, obwohl ich noch immer einen Hauch Wut verspürte. »Möchtest du einen Drink?«
»Vielleicht habe ich mich getäuscht.« Murphy fuhr zusammen, als Sadie das Skalpell auf die Arbeitsplatte fallenließ, bevor er sich an mich wandte. »Ist sie gefährlich?«
Sadie schnaubte. »Sie kann dich hören und ist ganz sicher nicht gefährlich. Ich meine, ich nehme an, dass ich nicht gefährlich bin. Bisher habe ich noch nie zwei Menschen in der gleichen Woche getötet, deshalb kann ich nicht abschätzen, wie diese spezielle Statistik sich weiterentwickeln wird.«
Ich grinste, zumindest bis Murphy beide Hände auf seine Brust presste und verkündete: »Humor hat sie auch noch. Ich glaube, ich bin verliebt!«
Sadie hob eine Augenbraue. »Das Schlimmste ist, dass ich nicht einmal unter vorgehaltener Waffe sagen könnte, wer hier der Verrückteste im Raum ist.«
Ich stieß Palmer den Ellenbogen in die Seite. »Sadie gehört mir. Du hast die Ohrfeigengeberin, die dich hasst.«
Sofort verblasste sein Lächeln. »Es ist nicht sonderlich nett, mich daran zu erinnern.«
»Dann steht es wohl unentschieden. Es ist auch nicht sonderlich nett, hier aufzutauchen und Sadie nachzustellen, obwohl ich es dir explizit verboten habe.«
»Ich habe ihr nicht nachgestellt.« Er rümpfte die Nase. »Ich habe geklingelt und sie hat mir aufgemacht.«
»Ich habe die Tür bloß geöffnet, weil ich dachte, du wärst Palmer!« Sadie verschränkte die Arme. »Sonst hätte ich bestimmt nicht aufgemacht.«
»Autsch.« Murphy verzog das Gesicht.
Ich presste meine Finger an die Schläfen, weil ich die ersten Anzeichen einer Migräneattacke spürte. Die Spannung kroch langsam meinen Nacken in Richtung Schädel hoch. »Murphy, wenn du jetzt bitte gehen würdest. Ich muss mit Sadie reden.«
»Was ist mit der Skulptur? Brauchst du Hilfe dabei, sie wieder zusammenzukleben? Wir bekommen sie mit Sicherheit wieder hin.«
»Nein. Ich werde sie mit der nächsten Leiche zusammen verbrennen. Es ist ohnehin dumm genug, so viel belastendes Material herumstehen zu haben.«
Er kratzte sich hinterm Ohr. »Bist du sicher?«
Das Pochen in meinen Schläfen nahm mit rasender Geschwindigkeit zu. »Ganz sicher.«
»Soll ich Sadie mitnehmen, damit du dich ein bisschen erholen kannst? Du siehst ziemlich fertig aus.«Ich musste nur einen Schritt in seine Richtung machen, bis er lachend ins Foyer flüchtete.
»Bye, Sadie«, rief er. »Denk später an die Zähne für mich, Palmer.«
Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, sanken Sadies Schultern. Sie verbarg das Gesicht in den Händen und hinterließ neue Blutflecken auf ihrer Haut.
»Es tut mir so leid, Palmer. Wirklich. Ich bin einfach in Panik geraten. Murphy hat eigentlich nichts Schlimmes gemacht, doch ich bin losgerannt. Dann sind wir beide gefallen und die Skulptur ist umgestürzt. Es tut mir wirklich leid.«
»Schon gut.«
»Nein, das ist eine Katastrophe. Es tut mir …«
Ich brachte sie mit einem Kuss zum Schweigen. Mit nur zwei Schritten war ich bei ihr, umfasste ihren Nacken und presste meine Lippen auf ihre. Sie öffnete den Mund für mich, ließ meine Zunge herein.
Ich brauchte diesen Kuss dringend. Zum einen musste ich mich vergewissern, dass Sadie weiterhin mein Spielzeug war, zum anderen wollte ich nicht zu lange darüber nachdenken müssen, wie egal mir meine heiß geliebte Skulptur gewesen war, weil ich gedacht hatte, Sadie wäre etwas passiert …