All those ugly lies – Teil 19

Sadie

Das Buch lag unangetastet neben mir auf der Pritsche. Ich konnte mich nicht konzentrieren, weil mein Herz zu sehr hämmerte.
War das ein Test?
Es musste ein Test sein.
Oder?
Ich leckte mir über die trockene Unterlippe und versuchte, meine Atmung unter Kontrolle zu bringen. Palmer war einfach gegangen. Die Zellentür hatte er dabei unverschlossen gelassen. Ich würde sie von innen aufdrücken können, wenn ich aufstand und hinging. Aber ich konnte nicht.
Mein Puls raste, kleine Schweißperlen sammelten sich in meinem Nacken und meine Atmung ging pfeifend. Ich verstand nicht, was in Palmers Kopf vor sich ging. Er war viel zu vorsichtig, um das Abschließen zu vergessen.
Es musste ein verdammter Test sein.
Vermutlich hockte er irgendwo im Haus und wartete nur darauf, dass ich dumm genug war, die Zelle zu verlassen. Bestimmt lauerte er auf einen Beweis, dass mir nicht zu trauen war – damit er meine Bitte um Hilfe abweisen konnte.
Oder wollte er, dass ich die Zelle verließ? Wenn ich nach oben ging und dort auf ihn wartete, konnte ich ihm beweisen, wie sehr er mir trauen konnte.
Ich schloss meine Augen und lauschte dem Rauschen meines Bluts in den Ohren. Wenn ich ehrlich war, hatte ich keine Chance, Palmers perfides Spiel zu durchschauen. Ich krallte die Finger um die Ecke der Pritsche und schüttelte den Kopf. Was sollte ich tun? Was sollte ich bloß tun?
Nach einer gefühlten Ewigkeit wagte ich es, aufzustehen und zur Tür zu gehen. Wie ich vermutet hatte, ließ sie sich öffnen. Mit angehaltenem Atem warf ich einen Blick in den Flur. Ich konnte weder eine Spur von Palmer noch tödliche Fallen entdecken. Nachdem ich mir gut zugeredet hatte, setzte ich den ersten Fuß über die Schwelle. Nichts passierte.
Mutiger hob ich auch den zweiten Fuß und trat in den Flur. Alles blieb ruhig, die Erde drehte sich weiter.
Trotzdem waren meine Knie weich wie Butter, als ich langsam den Gang entlanglief. Ich hatte keinen konkreten Plan und wusste nur, wie idiotisch es wäre, zu flüchten. Palmer hatte mir endlich seine Hilfe zugesichert und ich konnte nirgendwo anders hin. Ich hatte es bloß satt, von ihm eingesperrt zu werden.
Ich wollte das Haus erforschen, mehr über Palmer erfahren und endlich wieder Sonne auf meiner Haut spüren. Am Ende des Flurs führte eine schmale Treppe nach oben. Die Holzstufen waren wärmer unter meinen nackten Füßen als die Steinfliesen des Bodens.
Oben im Foyer blieb ich stehen. Ich kannte Palmers Küche, das Wohnzimmer, sein Schlafzimmer und den merkwürdigen Operationssaal. Bisher hatte ich in keinem der Räume ein Telefon oder einen Computer gesehen. Ich wollte gern die Nachrichten lesen. Mich interessierte mein eigener Fall, um genau zu sein.
Alle paar Schritte verharrte ich und lauschte, doch nach wie vor war das Haus ruhig. Ich drehte eine kurze Runde durch die Küche und trank ein Glas Wasser gegen meine trockene Kehle. Das Wohnzimmer war unspektakulär, allerdings wurde ich hierher zurückkommen, um fernzusehen, wenn ich keinen Computer finden sollte.
Ich öffnete die nächste Tür, um in den Operationssaal zu schauen. Nein, danke. Ich wollte mich abwenden, als ich zum ersten Mal den Durchgang bemerkte. Hier schien es einen weiteren Raum zu geben.
Widerwillig betrat ich den Saal, in dem es stark nach Desinfektionsmitteln roch. Alles war auf Hochglanz poliert. Ich ließ meinen Blick schweifen, bis ich das Tablet auf der Anrichte sah. Mein Herz schlug schneller. Ich ging hin und tippte den Bildschirm an. Das Display leuchtete auf. Leider forderte das Gerät mich auf, den sechsstelligen Sicherheitscode einzugeben.
Mit einem Fluch wandte ich mich ab, als ein kleiner Glaskasten neben dem Tablet meine Aufmerksamkeit erregte, weil das Innere sich zu bewegen schien. Ich sah genauer hin und bemerkte die unzähligen Käfer, die dort krabbelten. Mein Magen verkrampfte sich. Dennoch kam ich nicht gegen meine Neugier an und streckte zögerlich die Hand aus. Ich hob den Kasten und schüttelte ihn vorsichtig, bis ich etwas Rosafarbenes sehen konnte.
Es war ein menschlicher Finger. Ich würgte und schaffte es trotzdem, den Glasbehälter nicht fallen zu lassen. Die Insekten mussten Speckkäfer sein. Ich hatte mit der Schule damals ein Museum besucht, in dem sie uns gezeigt hatten, wie Käfer Tierskelette von den Weichteilen befreiten, ehe diese für die Ausstellung präpariert wurden.
Wozu brauchte Palmer die Knochen des Fingers? Mir wurde klar, dass ich nie gefragt hatte, woraus seine Skulptur im Eingangsbereich bestand. Kalter Schweiß brach mir aus. Hatte ich wirklich die richtige Person um Hilfe gebeten?
Ich stellte den Kasten zurück und ging zu dem Durchgang. Offenbar war hier lediglich die Heizungsanlagen untergebracht. Eigentlich hatte ich gedacht, dass es kaum noch schlimmer kommen konnte, bis die Erkenntnis zu mir vordrang und ich mir wünschte, den Nebenraum gar nicht erst betreten zu haben. Wir befanden uns in Kalifornien, die Temperaturen draußen mussten um die 25 Grad liegen und trotzdem lief die »Heizung« auf höchster Stufe.
Ich ahnte bereits, dass es keine Heizung war. Das hier war irgendeine Art Verbrennungsofen. Ich erinnerte mich an das Klacken, das ich vor einer Weile gehört hatte. Palmer betrieb offensichtlich sein eigenes Krematorium. Kein Wunder, dass mein Vater ihn beauftragt hatte, um mich spurlos verschwinden zu lassen. In ein Häufchen Asche verwandelt zu werden, war die Definition von »spurlos«.
Ich wich von dem Ofen zurück. Großer Gott. Ich hätte einfach in der Zelle bleiben sollen. Für heute hatte ich genug unangenehme Überraschungen erlebt.
Ich würde sofort zurückgehen und vorgeben, sie nie verlassen zu haben, bevor ich im wahrsten Sinn des Wortes noch weitere Leichen in Palmers Keller fand.
Mein Vorsatz fiel in sich zusammen, weil ich ein Auto in der Einfahrt hörte. Er war zurück. Ich änderte meinen Plan. Um ihm zu beweisen, dass er mir vertrauen konnte, würde ich ihm die Tür öffnen und alles beichten. Wenn ich ehrlich war, konnte er nicht böse auf mich sein, oder?
Ich kehrte ins Flur zurück und kämpfte das Schwindelgefühl herunter. Genau in der Sekunde, als ich die Haustür öffnete, ertönte die Klingel. Ich konnte nicht sagen, ob ich überraschter war oder der Mann, der vor mir stand und den Finger noch auf dem Klingelknopf hatte.
»Sadie Eadric. Ich glaube es nicht.«
Meine Kehle wurde eng und meine überreizten Nerven sandten ein Dutzend widersprüchliche Botschaften an mein Gehirn. Von »Gefahr, Gefahr« bis hin zu »Vielleicht kann er dir helfen« war alles dabei.
Ich ließ meinen Blick an ihm hoch und wieder hinunter wandern, bis ich schließlich an den leuchtend roten Blutflecken auf seinen weißen Turnschuhen hängenblieb.
Er sah in die gleiche Richtung und hob sofort abwehrend die Hände. »Ich kann es erklären, okay? Kein Grund in Panik zu geraten. Ich bin ein Freund von Palmer. Mein Name ist Murphy.«
Seine Worte drangen wie durch Watte zu mir. Er hatte Blut auf dem Schuh. Normale Menschen hatten kein Blut auf dem Schuh. Vermutlich waren normale Menschen auch nicht mit Palmer befreundet.
»Hey, hey«, hörte ich ihn sagen. »Beruhig dich. Es ist alles in Ordnung. Alles ist gut.«
Mir wurde bewusst, dass ich fast hyperventilierte, so schnell saugte ich die Luft in meine Lunge. Nichts war in Ordnung. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wer der Kerl war und ob er mir gefährlich werden konnte. Was war, wenn er herausfand, dass Palmer nicht zu Hause war?
Als hätte er meine Gedanken gelesen, runzelte er die Stirn. »Moment mal. Solltest du nicht unten im Keller in der Zelle sitzen? Wo ist Palmer?«
Ich versuchte, die Tür zuzuwerfen, aber Murphy hatte exzellente Reflexe und drückte mit der Hand dagegen. Kurzentschlossen fuhr ich herum und rannte los.
»Sadie! Warte!«
Ich hörte seine Schritte hinter mir, dann spürte ich, wie er mein Shirt erwischte und mich zurückriss. Um mich schlagend versuchte ich, mich aus seinem Griff zu winden. Alles, was ich damit bewirkte, war es, uns beide zu Fall zu bringen. Ich landete hart auf der Seite und Murphy halb auf mir. Die Wucht des Aufpralls sorgte dafür, dass wir ein Stück über den Boden rutschten. Ich stieß mit dem Rücken gegen etwas Hartes.
Murpyh und ich sahen gleichzeitig nach oben. Wir hatten die Säule gerammt, auf der Palmers Skulptur in dem Glaskasten ausgestellt war.
Mir stockte der Atem, Murphy riss die Augen auf. Es war zu spät. Wir konnten die Katastrophe nicht verhindern. Der Kasten schlug knapp neben über unseren Köpfen auf. Im letzten Moment schirmte Murphy mich gegen das splitternde Glas ab.
Als er sich aufrichtete, hingen einige Scherben in seinem dichten, dunklen Haar. Er blickte auf mich hinunter und seufzte. »Palmer wird uns umbringen.«