All Those Ugly Lies – Teil 18

Palmer

Sadie verharrte schweigend, ehe sie mit den gefesselten Händen gegen meine Brust schlug. »Ich hoffe, das war ein Scherz.«
»Vielleicht. Vielleicht auch nicht.« Ich stand auf und schloss meine Hose. Dann löste ich den Ledergürtel von ihren Handgelenken.
»Was ist jetzt?« Sadie richtete sich auf und tastete nach der Bettdecke.
Ich ließ sie gewähren und zuckte mit den Achseln. »Vermutlich sollte ich einkaufen gehen, denn ich mag es zwar nett finden, wenn du meinen Schwanz im Mund hast, dasselbe gilt allerdings nicht für meine Zahnbürste.«
»Du lässt mich bei dir wohnen?«, fragte sie hoffnungsvoll.
»Für den Moment. Du bist unterhaltsam.«
Sie schloss die Augen und atmete auf eine Weise durch, die mir verriet, wie nah sie den Tränen war. »Danke.«
»Bedank dich nicht zu früh. Ich kann ein ziemliches Arschloch sein.«
»Meinst du wirklich, das wäre mir bisher nicht aufgefallen?«
Ich zog den Gürtel wieder durch die Schlaufen und musterte Sadie. »Ich wollte es bloß erwähnt haben. Welche Größe trägst du? Ich muss dir Kleidung kaufen, damit ich nicht ständig meine eigenen Shirts zerreiße.«
»Wie wäre es, wenn du den Schritt mit dem Zerreißen grundsätzlich überspringen würdest?«
»So weit ich gehört habe, hast du genug Geld, um dir diesen kleinen Luxus zu leisten.«
»Ich kann dir schlecht meine Kreditkarte für die Einkäufe geben, oder?«
»Guter Punkt. Ich werde dir das Geld leihen. Sagen wir für 48 Prozent Zinsen?«
»Schnäppchen.« Sie rümpfte die Nase.
»Komm mit.«
Sofort versteifte sie sich. »Wohin?«
»In die Zelle. Ich will ehrlich zu dir sein, Sadie. So sehr ich es genieße, dich zu ficken, so wenig vertraue ich dir. Für den Anfang musst du dich damit begnügen, in der Zelle zu bleiben, wenn ich unterwegs bin oder Besuch bekomme.«
»Besuch? Wer besucht dich denn? Die anonyme Serienkiller-Selbsthilfegruppe?«
Ich lachte. »Gar nicht mal schlecht. Nein. Ich habe ein paar Freunde.«
Sie starrte mich ungläubig an. »Du hast Freunde?«
Meine Gedanken wanderten zu Murphy. »Ja – oder zumindest so etwas ähnliches. Aber ich muss mich vor dir nicht rechtfertigen. Ich bin der Boss und du bist das Sexspielzeug, das zufällig bei mir wohnen darf. Meine Geduld, mit dir zu diskutieren, ist erschöpft. Bist du bereit, in die Zelle zu gehen oder nicht?«
Sie seufzte. »Ja.«
»Wunderbar.« Ich ging zum Schrank, nahm ein neues Shirt heraus und warf es ihr zu. »Du musst mir gleich eine Liste der Sachen machen, die du brauchst, und mir alle entsprechenden Größen aufschreiben.«
»Okay. Kann ich wenigstens etwas zu lesen haben?«
Ich rollte mit den Augen. »Wenn es sein muss. Es tut mir wirklich sehr leid, dass ich keinen Fernseher in der Zelle installiert habe.«
»Das sollte es auch.« Sie streifte das Shirt über und kletterte aus dem Bett.
Als sie an mir vorbeiging, bewunderte ich die Aussicht auf ihren runden Arsch. Ich konnte nicht widerstehen und tätschelte ihren Po. Sadie hatte ein echtes Prachtexemplar. Sie fuhr herum und funkelte mich erbost an.
»Ich darf das«, informierte ich sie.
Mit einem Seufzen verließ sie das Schlafzimmer. Im Flur holte ich sie ein. »Ich habe nicht viele Bücher hier, weil ich das Meiste online lese. Doch ich werde dir ganz sicher nicht meinen Laptop geben.«
»Was hast du denn da?«
Ich legte die Hand auf ihren unteren Rücken und dirigierte sie ins Wohnzimmer. Zwar hätte ich ihr einfach sagen können, welche Tür sie nehmen sollte, aber ich hatte festgestellt, dass ich sie zu gern anfasste. Neben der Couch stand ein kleiner Beistelltisch, auf dem sich sämtliche Bücher stapelten, die ich besaß.
Sadie beugte sich vor. »Nietzsches gesammelte Werke. Einführung in die antike Philosophie. Einführung in die moderne Philosophie. Das große Psychologie-Handbuch. Im Kopf eines Killers. Twilight – Biss zum Morgengrauen.« Sie richtete sich wieder auf. »Twilight? Ernsthaft?«
»Es war ein Geschenk.« Ich zuckte mit den Achseln. Murphy hatte einen merkwürdigen Sinn für Humor.
»Aber du hast es nicht gelesen, oder?«
»Doch.«
»Was?« Sadie lachte. »Du machst Witze, oder?«
»Ich war neugierig.«
»Und? Hat es dir gefallen?«
»Nicht wirklich. Ich habe es nicht so mit Kitsch.«
»Was du nicht sagst.« Sadie schüttelte den Kopf und fischte sich das Buch über die Gedankengänge eines Killers heraus. Ich konnte nicht behaupten, dass ihre Wahl mich überraschte.

 

***

 

Zwei Tüten voller Kleidung und Kosmetikartikel waren bereits im Kofferraum, als ich vor dem Supermarkt parkte. Es war eine ungewohnte und gleichzeitig interessante Erfahrung gewesen, für eine Frau einzukaufen. Mir war nicht bewusst gewesen, wie viele Sorten Nagellackentferner, Shampoo- und Duschgelduftrichtungen es gab. Vermutlich hätte ich Stunden in dem Laden zubringen können, wenn ich es nicht eilig gehabt hätte.
Ich schob den Einkaufswagen in den Laden. Mir wurde klar, dass ich nicht genau wusste, welche Lebensmittel Sadie bevorzugte und welche nicht oder ob sie Allergien hatte.
In der Obst- und Gemüseabteilung blieb ich stehen. Anrufen konnte ich sie nicht, weil ich sie in die Zelle gesperrt hatte. Außerdem war ich kein Idiot. Bis ich ihr vertrauen konnte, würde ich sie weder in die Nähe eines Telefons noch einer Internetverbindung lassen.
Ich beschloss, einfach zu kaufen, was ich auch für mich immer holte – nur eben in doppelter Ausführung. Obwohl ich gedacht hatte, mir den Prozess des Einkaufens damit zu vereinfachen, erwischte ich mich trotzdem dabei, wie ich vor den Regalen stand und grübelte, ob Sadie meine Auswahl mochte.
Als ich bei den Staubsaugern ankam, wurde mir klar, dass ich in der Drogerie vergessen hatte, die Zahnbürste für Sadie zu kaufen. Ich lief den ganzen Weg zurück bis zum richtigen Gang. Bevorzugte sie harte oder weiche Borsten? Sie hatte ein hübsches Lächeln und Zahnhygiene war wichtig, weshalb ich zwei verschiedene Bürsten in den Einkaufswagen warf.
Auf dem Weg zu den Aufstrichen kam ich an der großen Fernseher-Wand vorbei. In dutzendfacher Ausfertigung strahlte mir Sadies Bild entgegen, da ihr Verschwinden noch immer die Nachrichten beherrschte. Zwar wurde bei allen Fernsehern ihre rechte Gesichtshälfte durch die großen Preissticker abgeschnitten, doch sie war trotzdem leicht zu erkennen. Dazu wurde die Nummer eingeblendet, unter der man Hinweise abgeben konnte.
»Palmer! Sag mal, verfolgst du mich?«
Ich stöhnte innerlich, als ich Jack Halverstons Stimme hörte. Warum war ich nur dermaßen vom Pech verfolgt? Erst sah ich ihn monatelang nicht und dann traf ich ihn bei jeder unpassenden Gelegenheit. Mit neutraler Miene drehte ich mich um. »Du bist langweilig. Wieso sollte ich dich verfolgen?«
»Autsch. Kein Grund, direkt gemein zu werden.« Er kam näher und warf einen Blick in den Einkaufswagen.
Es war schwer zu sagen, was daran ihn störte, doch kurz darauf sah er zu den Fernsehern und wieder zurück in den Einkaufswagen. Inzwischen flimmerte Sadies Vater uns entgegen, der sich mit einem verzweifelten Gesichtsausdruck an die Zuschauer wandte. Da der Ton abgestellt war, wusste ich nicht genau, was er sagte, aber ich konnte es mir denken.
Halverston runzelte die Stirn und schaute erneut zwischen den Fernsehern und dem Wagen hin und her. »Zwei Zahnbürsten?« Er hob eine Augenbraue.
Ich hielt seinem Blick stand, ohne mit der Wimper zu zucken. »Willst du mir erzählen, dass du morgens und abends die Gleiche benutzt?«
»Du bist echt ein Freak.« Er schüttelte den Kopf.
Für den Moment schien ich ihn von der Fährte abgebracht zu haben, doch er musterte den Einkaufswagen erneut. Es war kaum zu leugnen, dass ich für zwei Personen eingekauft hatte. Sollte Halverston mit diesem Wissen anfangen, was er wollte. Solange er nicht nachts überraschend in meinem Schlafzimmer auftauchte, würde er nie erfahren, wo Sadie war – und mein Haus war zu gut gesichert, um ihm einen Einbruch zu ermöglichen. Ich wusste nicht genau, wie er reagieren würde, wenn er erfuhr, dass Sadie bei mir war. Noch konnte ich nicht abschätzen, wie die Situation sich weiterentwickeln würde. Sollte Halverston zu einer Bedrohung werden, würde ich überlegen, was zu tun war. Bis jetzt hatte ich keine Ahnung, ob Sadie es wert war, ihn umzubringen. Ich musste ihn wohl oder übel vorerst am Leben lassen.
»Was machst du eigentlich hier?« Ich sah ihn an. »Hast du nicht irgendwelche Lakaien, die sonst für dich einkaufen?«
Halverston betrachtete die Flasche Champagner in seiner Hand. »Ich habe ein Date. Hat sich spontan ergeben.«
»Richtig. Und mit nichts lässt sich Rohypnol so gut runterspülen wie Champagner.«
Er verdrehte die Augen. »Einmal. Ein einziges Mal habe ich das gemacht. Wie lange willst du mir das noch vorhalten?«
»Keine Ahnung, wie lange willst du mir noch vorhalten, was 2008 in Mexiko passiert ist?«
Seine Miene verdüsterte sich. »Fang nicht wieder damit an. Ich muss jetzt los.«
»Viel Spaß bei deinem Date.« Ich zwinkerte ihm zu.
Mit jeder Sekunde wurde er wütender. »Es ist wirklich ein Date!«
»Natürlich«, erwiderte ich. »Natürlich.«
»Fick dich, Palmer«, sagte er zur Verabschiedung und ließ mich mitten im Laden stehen. Ausnahmsweise war es praktisch, dass er sich dermaßen leicht provozieren ließ. Wenn er an unsere Begegnung zurückdachte, würde er sich hoffentlich in erster Linie an meine Bemerkung über den Champagner erinnern und nicht den verräterischen Einkauf.
Ich schob den Wagen in den nächsten Gang. Ob Sadie wohl Champagner trank? Sollte ich welchen kaufen oder sendete ich damit das falsche Signal? Welches Signal sendete Champagner überhaupt?
Beim Wein blieb ich stehen und ließ meinen Blick über die schier endlose Reihe Flaschen schweifen. Stand der Champagner in dieser Abteilung?
Es war merkwürdig, Sadies Namen auf einem Drittel der Flaschen zu lesen, da die Eadrics die unangefochtenen Marktführer waren. Ich machte kehrt und ging zurück zu den anderen Getränken. Wahrscheinlich war Bier die bessere Wahl.

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