All Those Ugly Lies – Teil 16

Palmer

Als ich aufwachte, war meine Laune merkwürdig gut. Es dauerte eine Weile, bis ich mich an meinen nächtlichen Besuch bei Sadie erinnerte. Ein dümmliches Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus. Ich war absolut machtlos dagegen, denn es war noch besser gewesen, sie zu vögeln, als ich es mir in meinen kühnsten Träumen ausgemalt hatte.
Allerdings war ich in das nächste Dilemma geraten: Ich wollte mehr.
Wie ein Juckreiz, dem man nicht nachgeben sollte, war es nur schlimmer geworden, jetzt da ich gekratzt hatte. Sadie war zu faszinierend, um die Finger von ihr zu lassen.
Ich spielte mit dem Gedanken, wie es wäre, wenn sie neben mir im Bett liegen würde. Vermutlich musste ich dann nur die Hand ausstrecken und sie zu mir ziehen …
Ehe ich meine Fantasie weiter ausbauen konnte, klingelte es an der Tür. Ich kniff die Augen zusammen und tastete nach dem Radiowecker. 9:47 Uhr.
Das war unmöglich. Ich schlief nie länger als 6 Uhr. Der Wecker musste defekt sein. Ich nahm mein Handy vom Nachttisch, doch es zeigte tatsächlich die gleiche Uhrzeit.
Sadie zu ficken, schien meine Schlaflosigkeit zu lindern. Eine interessante Erkenntnis. Ich schob mich gezwungenermaßen aus dem Bett, da hörte ich bereits Murphys Stimme. »Komm schon, Buddy. Ich weiß, dass du zu Hause bist.«
Ich stieg in meine Jeans und griff im Vorbeigehen das erstbeste Shirt aus dem Schrank. Barfuß ging ich nach unten, streifte das Shirt über und öffnete die Tür. »Habe ich eine Verabredung vergessen?«
»Nein. Ich weiß ja, dass du kein Leben hast, und dachte mir, dass ich auch spontan vorbeikommen kann. Sollte ich dich etwa geweckt haben?«
Ich zuckte mit den Achseln, bevor ich meine Aufmerksamkeit dem Mann zuwandte, der gefesselt auf dem Boden vor der Haustür lag. »Wer ist das?«
Murphy holte seinen schwarzen Block aus der Jackentasche. »Shaun Craig, irisch-stämmiger Kleinkrimineller. Hat er versucht, seinen Boss zu bestehlen, dann die Mafia und schließlich wollte er uns einen Deal andrehen. Leider haben alle seine Informationen sich als unbrauchbar erwiesen. Stattdessen haben wir ein Abkommen mit seinem Boss hier geschlossen, das langfristig mehr Sinn macht – einzige Bedingung, die O’Laughlin hatte: Shaun muss spurlos verschwinden. Du bekommst deinen üblichen Satz.«
»Okay«, sagte ich und wartete darauf, dass Murphy verschwand.
Er verschwand nicht.
Stattdessen wippte Murphy auf seinen Fußballen. »Kann ich dir vielleicht helfen? Ich bin ein bisschen gestresst und muss dringend die Anspannung abbauen.«
Mein Blick wanderte von dem gefesselten und geknebelten Mann zu seinen Füßen zu Murphy und zurück. »Ich schätze schon«, sagte ich zögerlich, obwohl es mir eigentlich nicht passte. Aufgrund von Sadies Anwesenheit in meinem Keller hatte ich genug eigenen Stress, der dringend abgebaut werden musste. Eigentlich hatte ich gedacht, wenn ich sie fickte, würde sich das Problem von selbst erledigen. Stattdessen war ich aufgewühlter als vorher.
Murphy ließ sich nicht zweimal bitten. »Danke.« In seiner Miene spiegelte sich Erleichterung. »Du bist ein echter Freund.«
»Hm«, machte ich und überlegte, wie ich aus der Nummer wieder herauskam. Murphy bückte sich, packte einen Knöchel des Mannes und begann, ihn in meinen Operationsraum zu schleifen.
»Ich hatte nicht einmal Kaffee«, murrte ich und wischte mir übers Gesicht.
»Kaffee?« Murphys Miene hellte sich auf. »Ich würde auch einen Kaffee nehmen.«
Den Hinweis, dass ich meinen Satz definitiv nicht so gemeint hatte, sparte ich mir, und verschwand in der Küche, um Kaffee zu machen. Mein Laptop lag auf dem Küchentisch. Ich rief den Feed der Überwachungskamera auf, die ich damals vorsorglich in der Zelle im Keller installiert hatte.
Sadie war wach. Sie lag auf dem Rücken, hatte die Arme unter dem Kopf verschränkt und schien nachzudenken. So wie es aussah, konnte ich sie guten Gewissens noch eine Stunde schmoren lassen.
Ich schaltete die Kaffeemaschine ein und fuhr zusammen, als ohne Vorwarnung ohrenbetäubender Metal durch das Haus dröhnte. Dabei hatte ich Murphy schon hundertmal gesagt, dass ich es hasste, wenn er sein Handy mit meinen Lautsprechern verband. Ein vollkommen hysterischer Mann kreischte etwas darüber, Herzen herauszureißen und Rache zu nehmen. Der Rest ging in unverständlichem Gekeife unter. Ich rollte mit den Augen. Murphys Geschmack ließ in vielerlei Hinsicht zu wünschen übrig.
Als ich mit den beiden Kaffeebechern in den Operationssaal zurückkam, hatte Murphy Shaun Craig bereits auf die Bahre gehievt und mit den Lederstreifen gefesselt. Er benutzte ein Skalpell, um vier Schnitte auf dem Bauch des Aushilfsgangsters zu platzieren, die wie eine Raute arrangiert waren. Shaun schrie dabei panisch in den Knebel. Sein Hemd hing in Fetzen von der Bahre herab.
»Was wird das, wenn es fertig ist?« Ich hob eine Augenbraue.
Murphy strahlte mich an. »Drei gewinnt.« Er hielt mir ein zweites Skalpell an. »Du weißt schon, wer zuerst drei Kreise oder Kreuze in einer Reihe hat, gewinnt.«
Ich ließ den Kopf hängen und rieb über meine Stirn. »Du hast sicher einen bestimmten Einsatz im Sinn, nicht wahr?«
»Du kennst mich zu gut. Wenn ich gewinne, ist der gute Shaun hier nicht der Einzige, der heute gelöchert wird.«
Während ich über seinen Vorschlag nachdachte, trank ich einen Schluck. Murphy regelte die Lautstärke der Musik etwas hinunter. Schließlich zog ich mir einen Hocker. Was soll’s, dachte ich. Notfalls konnte ich ihn anlügen, falls er mir zu aufdringliche Fragen stellte. Allerdings musste er dazu erst einmal gewinnen.
»Da du der Gastgeber bist, darfst du anfangen.«
Ich musterte den Bauch und entschied mich für ein Kästchen, in das ich mein X ritzte. Shaun brüllte ich seinen Knebel.
»Wieso bist du gestresst?«, fragte ich, nachdem Murphy sich ebenfalls auf einen der Hocker hatte sinken lassen.
»Da ist diese Frau«, murmelte er und schnitt einen Kreis in das Quadrat neben meinem.
»Warum frage ich überhaupt?« Ich grinste ihn an, ehe ich mein Skalpell über unserem improvisierten Spielfeld kreisen ließ.
»Dieses Mal ist es anders. Sie treibt mich in den Wahnsinn.« Er wartete, bis ich mein X gesetzt hatte. Shauns Stirn war schweißbedeckt und das Blut lief über seinen Bauch.
Ich spitzte die Lippen, wählte meinen nächsten Zug mit Bedacht. »Treiben dich nicht alle Frauen in den Wahnsinn?«
»Diese ist anders. Sie will mich nicht.«
Überrascht schaute ich auf. »Eine solche Frau gibt es? Ist sie verheiratet? Lesbisch?«
»Nein. Sie ist Single, definitiv hetero und hasst mich.« Murphy seufzte.
Ich konnte mir vorstellen, dass es ihm wirklich naheging, bei einer Frau nicht landen zu können. »Kopf hoch. Es gibt noch andere Frauen.«
»Das weiß ich. Es ist nur … Ach, ich weiß es auch nicht. Ich habe übrigens gewonnen.«
Verwirrt blickte ich nach unten. »Moment mal! Hast du mich etwa übergangen?«
»Kann ich etwas dafür, wenn du nicht aufpasst? Also, wo ist Sadie?«
Ich spielte mit dem Gedanken, Murphy langsam und genüsslich in mundgerechte Happen zu schneiden, doch ich legte das Skalpell weg. Wenn ich ehrlich war, konnte ich vermutlich den einen oder anderen Ratschlag gebrauchen. »Im Keller.«
»Du hast sie eingesperrt?« Er schüttelte mitleidig den Kopf.
»Ja. Ihr ist nicht zu trauen. Gestern hat sie versucht, ein Schälmesser zu stehlen.«
»Ich dachte, sie wäre freiwillig mitgekommen.« Murphy rutschte mitsamt seines Hockers zum oberen Ende des Tisches und setzte das Skalpell unter Shauns Augenbrauen an. »Du bist echt ein hässlicher Kerl«, erklärte er ihm dabei.
»Es ist kompliziert. Sadie ist freiwillig mitgekommen. Oder besser gesagt wäre sie freiwillig mitgekommen, wenn ich sie nicht vorher betäubt hätte.«
Murphy zog die Klinge mit einer schnellen Bewegung über die Haut. Dann seufzte er. »Besser.« Er nahm Maß für den nächsten Schnitt. »Warum hast du sie betäubt, wenn sie doch willig war?«
»Damit sie nicht weiß, wo mein Haus steht.«
»Ist das nicht sinnlos, wenn sie weiß, wie du aussieht?«
Ich kniff die Augen zusammen. »Das ist mir danach auch aufgefallen.«
»Kann ich sie sehen?«
»Damit sie danach auch dein Gesicht kennt? Nein.«
Murphy schob die Unterlippe vor. »So langsam bekomme ich den Eindruck, dass du sie ganz für dich allein willst.«
Ich war ein bisschen neidisch, weil er an Shaun herumschnippelte und nahm das Skalpell wieder in die Hand. Auf dem Oberarm unseres Gastes eröffnete ich eine neue Variante des Drei-gewinnt-Spielfeldes, um zu überprüfen, ob Murphy tatsächlich betrogen hatte. Shaun quiekte in seinen Knebel. »Du hast doch ein eigenes weibliches Problem an der Hand. Warum sollte ich also teilen?«
»Interessant.« Murphy schien mich zu verspotten.
Frustriert ließ ich das Skalpell fallen und holte die Rosenschere. Eigentlich wollte ich Shaun bloß den kleinen Finger für meine Trophäensammlung abschneiden, doch das laute Schnapp der Schere war so befriedigend, dass ich nicht aufhören konnte.
Murphy beobachtete mich. »Das sieht unterhaltsam aus. Darf ich auch?«
»Ich bin fast durch mit den Fingern«, sagte ich, während ich den Tisch umrundete.
»Die Zehen?«, schlug er vor.
»Von mir aus.« Ich reichte ihm die blutige Schere und nahm mir den kleinen Finger, um ihn auf der Arbeitsfläche in Sicherheit zu bringen.
»Wie verführst du Frauen?« Murphy hielt inne.
»Keine Ahnung. Bisher habe ich mir keine sonderliche Mühe gegeben.«
»Und wie läuft es mit Sadie?«
Ich setzte mich wieder auf den Hocker. »Wenn ich das mal wüsste.« Sollte ich Murphy erzählen, dass ich Sadie betäubt hatte, um mit ihr spielen zu können? Frauen waren ein empfindliches Thema für ihn, weshalb ich nicht abschätzen konnte, wie er reagieren würde.
»Weißt du schon, was du mit ihr vorhast? Ich meine, die Situation wird schon allein dadurch erschwert, dass Halverston nach ihr sucht.«
»Irgendwie will ich sie nicht töten«, gestand ich schließlich.
Murphy riss die Augen auf. »Du bist verliebt.«
»Ich bin nicht verliebt.«
»Und ob!«
Ich schüttelte den Kopf. »Sie fasziniert mich und kann nichts für das Chaos, in das sie geraten ist.«
Murphy deutete auf Shaun. »Dein moralischer Kompass funktioniert sonst auch nicht gerade einwandfrei. Was ist bei Sadie anders?«
»Sie ist anders. Ich kann es nicht mal benennen. Aber alles an ihr ist faszinierend. Sie ist das spannendste Studienobjekt, das ich je hatte. Sie zu töten wäre viel zu einfach. Ich will sie verstehen.«
»Ist verstehen ein Code für vögeln?« Murphy kratzte sich mit dem Griff der Rosenschere am Hinterkopf.
»Ja. Nein. Das auch.«
Murphy nahm seine Kaffeetasse und leerte sie in einem Zug. »Du, mein Freund«, verkündete er, »hast ein gewaltiges Problem.«
Ich schnaubte. »Erzähl mir etwas, das ich selbst noch nicht weiß.«
»Willst du wissen, wie ich die Situation einschätze?«
»Ja.« Das wollte ich tatsächlich.
»Das erste Problem ist Halverston. Er wird jeden Stein umdrehen. Selbst wenn du Sadie am Leben lässt, kannst du sie nicht für immer hier einsperren. Früher oder später wird Jack sie in die Finger bekommen.«
»Meinst du nicht, dass ich sie einfach behalten könnte?«
Zum ersten Mal sah Murphy mich an, als würde er ernsthaft an meinem Verstand zweifeln. Dabei hatte er die blutige Schere und zwei Zehen in der Hand, nicht ich. »Für immer? Sie ist doch nicht dein Haustier.«
»Aber mein Spielzeug.«
»Okay.« Er beugte sich über Shaun. »Hauptsache, sie sieht es ähnlich.«
Natürlich sah Sadie die Situation anders. Sie erwartete Hilfe von mir, was eigentlich nicht meinem Naturell entsprach. Je länger ich darüber nachdachte, desto verspannter wurde mein Nacken. »Was ist mit dir?«
»Was soll mit mir sein?«
»Du kannst mich nicht ausquetschen und mir nichts über dein Problem verraten.«
Murphy holte tief Luft. »Lange Geschichte.«
»Ich habe Zeit.«
»Die hast du nicht. Früher oder später wirst du dich mit Sadie auseinandersetzen müssen. Abgesehen davon interessiert es dich nicht wirklich. Mir ist schon klar, dass ich dich viel mehr liebe als du mich.«
»Hey«, sagte ich. »Habe ich dich die Zehen abschneiden lassen, oder nicht?«
»Auch wahr. Okay. Das Problem ist: Ich glaube, ich habe mich verliebt.«
»Was ist passiert?«
»Sie hat mich geohrfeigt.« Murphy bekam einen verträumten Gesichtsausdruck.
»Wenn das nicht klingt wie der Anfang einer romantischen Liebesgeschichte.«
Er winkte ab. »Sie hasst mich und ich habe nicht die geringste Ahnung, warum.«
»Hast du sie mal zurückgewiesen?«
»Bitte!« Die Empörung war nicht zu überhören. »Das würde mir im Traum nicht einfallen.«
»Hast du sie schon mal gevögelt und vergessen?«
»Nein. Darüber habe ich schon nachgedacht. Definitiv nicht.«
»Hast du ihre Schwester, Cousine, Mutter, Oma, Tante oder beste Freundin gevögelt?«
Murphy tippte sich gegen das Kinn. »So spontan kann ich das nicht beantworten.«
»Dann musst du Nachforschungen anstellen.«
»Eine gute Idee.« Sein Gesicht leuchtete auf und er legte das Skalpell weg. »Aber wie finde ich das heraus?«
»Frag sie.«
»Wäre das nicht sehr unhöflich von mir?«
»Du kannst sie ja erst zwingen, dich zu küssen – danach wirkt die Frage nicht mehr so rüde.«
Murphy blinzelte langsam. »Ehrlich gesagt weiß ich schon gar nicht mehr, warum ich dachte, es wäre eine gute Idee, dich um Rat zu fragen.«
»Keine Ahnung. Doch ich würde tippen, dass dir die Erkenntnis noch früh genug gekommen ist. Willst du seine Kehle durchschneiden? Dann kannst du die Zähne direkt mitnehmen.«
Er griff wieder nach dem Skalpell. »Liebend gern.«
»Gut. Ich muss nämlich gleich nach Sadie sehen.«
»Darf ich mitkommen?«
Ich rollte mit den Augen. »Nein.«
»Aber …«
»Ich habe nein gesagt!«

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