All those ugly lies – Teil 12

Palmer

Ich parkte den Mustang vor dem Diner und wünschte mir für einen kurzen Moment, ich hätte meine Hände nicht gewaschen, bevor ich losgefahren war. Dann könnte ich Sadie jetzt noch an meinen Fingern riechen.
Ich war beinahe geneigt, zu glauben, dass ich sie vermisste. Doch das war Unsinn.
Sie war ein nettes Spielzeug. Nicht mehr und nicht weniger. Es würde nicht lange dauern, bevor ich das Interesse verlor. Deshalb musste ich gar nicht erst anfangen, mich in etwas hineinzusteigern, was nicht existierte. Die Faszination würde bald nachlassen.
Ich stieg aus und betrat das Diner. Murphy war schwer zu übersehen. Er saß mit dem Rücken zu mir in einer der Nischen. Doch seine Körpergröße sorgte dafür, dass ich seinen Hinterkopf und das Tattoo im Nacken erkannte.
»Hey«, sagte ich und glitt auf die gegenüberliegende Bank.
»Hi.« Er spielte mit dem Griff seiner Kaffeetasse und hob die Hand, als ich meine in die Tasche meiner Lederjacke schob. »Wenn du einfach wieder die Tüten mit den Zähnen auf den Tisch legst, erwürge ich dich. Es hat mich letztes Mal fast fünf Riesen gekostet, Savannah davon zu überzeugen, dass sie nichts gesehen hat.«
Ich grinste. »Die Kellnerin? War das bevor oder nachdem du sie gevögelt hast?«
»Komm schon. Sie war heiß. Du weißt, wie schlecht ich an heißen Frauen vorbeigehen kann.«
»Eine fatale Angewohnheit, die dich eines Tages ins Grab bringen wird, wenn ich das bemerken dürfte.«
Er winkte ab. »Wie lange predigst du mir das jetzt?«
»Seit wir uns kennen. Hilf mir auf die Sprünge, wie haben wir uns nochmal kennengelernt?« Ich lehnte mich an die gepolsterte Rückenlehne und zog eine Augenbraue hoch.
Eine Kellnerin kam, zog ihren Kugelschreiber aus der Tasche an ihrer Schürze und zückte den Block. »Jungs, was kann ich euch bringen?« Danach blies sie eine große rosafarbene Kaugummiblase, die mit einem Knall zerplatzte.
Ich hätte es vielleicht charmant gefunden, wenn sie nicht deutlich über sechzig Jahren alt gewesen wäre. Außerdem war ihr Make-up so dick, dass es in den Augenwinkeln bröckelte und ich das dringende Verlangen spürte, meine Hand schützend über Murphys Tasse zu halten.
»Ich hätte gern die Waffel mit Sahne und Erdbeeren. Wo ist denn Savannah?«, wollte er wissen.
Wir mussten eine weitere Kaugummiblase auf die Antwort warten. »Wurde gefeuert, weil sie ständig herumgehurt hat. Und du, Süßer?« Sie zwinkerte mir zu.
»Nur Kaffee für mich, bitte.«
»Kommt sofort.«
Als sie sich entfernte, holte ich die Tüten aus der Tasche und reichte sie Murphy. Er zählte sie kurz nach, bevor er sie in seine eigene Hosentasche schob, und nickte. »Danke.«
»Kein Problem.«
Ich überlegte, ob ich ihm von Sadie erzählen sollte. Murphy kam so etwas wie einem Freund am nächsten. Außerdem war sein eigenes Leben abgedreht genug, dass er mich wahrscheinlich nicht verurteilen würde.
Wir hatten uns vor gut sechs oder sieben Jahren kennengelernt, als ich ihn eher zufällig vor einem schmerzhaften Tod bewahrt hatte.
Ich hatte eine Weile als Kopfgeldjäger gearbeitet, bis der Reiz der Jagd stumpf geworden war. Einer meiner Aufträge hatte mich in ein Kaff nach Texas geführt, wo ich einen gewissen Billy Bob Augustus hatte töten sollen.
Wie immer hatte ich kurzen Prozess gemacht und mich erst danach darum gekümmert, wer der arme Kerl war, den Billy Bob in seiner Scheune in einen Metallrahmen gespannt und mit Elektrizität gefoltert hatte. Um ehrlich zu sein hätte ich Murphy sterben lassen, wenn er nicht geistesgegenwärtig genug gewesen wäre, zu erklären, dass er für die Regierung arbeitete und einen Job für mich hatte.
Auf der Rückfahrt von Texas hatte ich eine Leiche im Kofferraum und einen gefesselten Mann auf der Rückbank gehabt, weil ich ihm natürlich nicht geglaubt hatte, dass er wirklich für die Regierung arbeitete. Er nahm es mir bis heute nicht übel, wie ich ihn behandelt hatte.
Da er sich die Fahrt damit vertrieben hatte, mir sein Leben zu erzählen, kannte ich ihn recht gut und hatte erfahren, dass er mit Billy Bobs Frau geschlafen hatte. Deshalb war er dort gelandet. Murphy konnte Frauen einfach nicht widerstehen und vergaß aufgrund dessen gern, sich nach dem Status seiner zukünftigen Geliebten erkundigen.
Ich hatte ihn einen Idioten genannt, er hatte gelacht und seitdem waren wir so etwas wie Freunde.
Trotzdem wusste ich nicht recht, was es mir bringen würde, über Sadie zu reden. Ich konnte ihm kaum erzählen, dass sie nackt und geknebelt an mein Bett gefesselt war, weshalb ich darauf brannte, nach Hause zu kommen. Allerdings hatte sie inzwischen zu viel gesehen und ich war überfordert mit der Frage, was ich mit ihr machen sollte, sobald ich ihrer überdrüssig wurde. Vielleicht hatte Murphy einen Rat – doch was war, wenn ich ihn nicht hören wollte? Es war klüger, ihn nicht zu fragen.
»Okay, wenn das alles war, haue ich wieder ab.«
Murphy wirkte gekränkt. »Willst du nicht wenigstens auf den Kaffee warten? Ich fühl mich bei dir immer wie die ungeliebte Affäre. Du kannst es kaum abwarten, mich loszuwerden.«
»Das ist es nicht.«
»Ach nein?« Er verschränkte die Arme. »Wie ist es denn? Hast du etwa andere Freunde neben mir?«
»Ich dachte, wir wären Geschäftspartner«, neckte ich ihn.
Er verzog das Gesicht. »Mein armes Herz. Es ist gebrochen.«
»Schon gut. Schätze, ich werde es überleben, den Kaffee mit dir zu trinken.«
»Wie großzügig von dir. Also – wie geht’s meinem Lieblingskiller?«
»Ich bin kein Killer«, zischte ich, weil die Kellnerin mit unserer Bestellung zurückkehrte.
»Und ich bin kein Frauenverehrer. Du bist heute echt empfindlich. Ist alles in Ordnung?«
»Bestens.« Ich nickte der Kellnerin zu, um mich zu bedanken.
Dann sah ich, wie die Tür zum Diner aufging und fluchte: »Fuck. Hast du Halverston eingeladen?«
»Natürlich nicht. Der Typ lässt mir einen Schauer nach dem anderen über den Rücken laufen.«
»Tja, er ist hier, und so wie es aussieht, will er zu uns.«
Murphy seufzte und massierte seinen Nasenrücken.
»Palmer, Murphy. Kann ich mich setzen?« Jack tauchte an unserem Tisch auf und wirkte ebenso erfreut uns zu sehen wie wir ihn.
»Unbedingt«, sagte ich und machte nicht die geringsten Anstalten, für ihn Platz zu machen.
Gezwungenermaßen rutschte Murphy zur Seite und Jack setzte sich neben ihn. Er griff in seine Jacketttasche, bevor er mir drei Fotos reichte. »Ich habe ein Problem und habe gehofft, du könntest mir helfen.«
»Immer.« Ich blätterte durch die Fotos. Dabei achtete ich darauf, nicht eine Miene zu verziehen. Das erste Bild zeigte den Tatort im Empire Spa & Resort, das zweite Fourniers Gesicht inklusive der Blutspritzer und das dritte war ein Porträt von Sadie. Sie lächelte in die Kamera. Um unbeteiligt zu wirken, reichte ich die Fotos an Murphy weiter, der prompt durch die Zähne pfiff. »Ay mami! Wer ist das denn?«
Mit einem Knurren nahm Jack ihm die Bilder aus der Hand. »Sadie Eadric. So weit außerhalb deiner Liga, du brauchst nicht mal von ihr zu träumen, Murphy.«
»Eadric wie der Wein?«, wollte er wissen.
»Exakt. Willst du jetzt hören, was ich zu sagen habe, oder willst du mich lieber die ganze Zeit unterbrechen?« Jack wirkte ungehalten.
»Schon gut.«
»Der Tote ist Mathis Fournier. Seine Leiche wurde in einem Hotel gefunden. Eigentlich hätte in dem Zimmer auch seine Verlobte Sadie Eadric sein müssen. Ich stehe in doppelter Hinsicht unter Druck. Abgesehen davon, dass alles auf eine Entführung hindeutet, habe ich Jason Eadric deine Kontaktdaten gegeben.« Jack sah mich direkt an. »Soweit ich weiß, wollte er seine Tochter loswerden. Bitte sag mir, dass du etwas darüber weißt.«
Ich entschied mich für ein Mittelding zwischen Wahrheit und Lüge. »Von Jason Eadric weiß ich nichts. Fournier hat mich kontaktiert.« Jetzt wusste ich zumindest, wie er an mich geraten war.
»Und?« Jack beugte sich über den Tisch.
Es war nett, dass ihm zur Abwechslung die Schweißperlen auf der Stirn standen. Ich stellte mir vor, wie es wäre, ihm zu sagen, dass Sadie nackt auf meinem Bett lag und ich mir mühelos den Geschmack ihrer Fotze ins Gedächtnis rufen konnte. Stattdessen zuckte ich mit den Achseln. »Du kennst meine Regeln. Er wollte, dass ich sie lebendig an einem Hotel abhole, und ich habe abgelehnt, weil ich nichts anstrengender finde als Menschen. Daraufhin hat er mir mehr Geld geboten, ich habe abgelehnt und nichts mehr von ihm gehört. Was der Vater damit zu tun hat: keine Ahnung.«
Murphy pickte das Fotos erneut aus Jacks Hand. »Der Vater? Kranke Scheiße. Hast du einen Verdacht?«
Jack seufzte. »Nein. Sadie ist wie vom Erdboden verschwunden. Der Raum war geradezu beängstigend sauber. Bis auf ein paar Fäden ihres Rocks und einen abgebrochenen Absatz haben wir keine Spuren finden können. Deswegen habe ich direkt an unseren Freund hier gedacht.« Er nickte in meine Richtung.
»Willst du mich beleidigen? Einen Absatz, Fäden und eine blutige Leiche? Würde ich dahinterstecken, gäbe es in dem Hotelzimmer keinen Hinweis mehr darauf, was dort passiert ist.«
»Wohl wahr.« Murphy nickte und studierte Sadies Bild. »Außerdem ist sie nicht dein Typ.«
Fast hätte ich gelacht. »Ich habe einen Typ?«
»Klar«, antworteten Jack und Murphy wie aus einem Mund. Direkt darauf tauschten sie einen Blick, als würden sie nicht glauben können, dass das gerade wirklich passiert war.
Ich trank einen Schluck Kaffee und stellte die Tasse weg. »Ihr amüsiert mich. Wie ist denn mein Typ Frau?«
»Groß«, sagte Jack.
»Kurvig und devot«, fügte Murphy hinzu.
Jack verstaute die Fotos wieder in seiner Jackettasche. »Klug genug für ein Gespräch, nicht smart genug, um hinter die Fassade zu schauen.«
»Ich würde sagen, du bevorzugst sie dunkelhaarig, aber ich bin mir nicht sicher.« Murphy kniff die Augen zusammen. Wahrscheinlich besaß er in seinem Gedächtnis einen Katalog aller Frauen, die ihm je begegnet waren, und ging gerade die wenigen durch, mit denen ich in seiner Gegenwart geflirtet hatte. Es konnten nicht mehr als eine Handvoll sein.
»Harmlos.« Jack grinste. »Aber sexuell gefällig.«
Ich dachte darüber nach, was sie gesagt hatten. Vielleicht reizte mich Sadie deshalb so. Sie war das genaue Gegenteil von dem, was Murphy und Jack beschrieben hatten. Sie hatte mich direkt entlarvt, war das Gegenteil von gefällig und hatte dunkelblonde Haare. Deswegen übte sie diese Faszination auf mich aus. Vielleicht war es doch nicht so schlecht, Jack getroffen zu haben. Das Wissen beruhigte mich – wenn es nur das war, was mich an Sadie interessierte, würde es bald abebben. Immerhin hatte ich den Zauber entlarvt. Wie lange konnte er dann noch anhalten?
Bis jetzt hatte ich nicht viel über Sadie in Erfahrung gebracht. Ich hatte lediglich den Hauch einer Ahnung, wie sie tickte und was es brauchte, um sie zu erregen. Aber ich war fest entschlossen, ihre Geheimnisse aufzudecken. Ich würde forschen, bis ich jeden Zentimeter ihrer Seele ergründet hatte und sie lesen konnte wie ein offenes Buch. Bis ich wusste, was sie wollte, bevor sie es wusste. Die Vorstellung ließ meinen Schwanz zucken und ich musste mich zusammenreißen, um mich daran zu erinnern, wo ich war. Sadie würde warten müssen.
Jack rieb sich über den Nacken. »Ach, Scheiße. Ich hatte gehofft, du hättest Sadies Leiche mitgenommen. Aber so muss ich wohl davon ausgehen, dass sie entführt wurde und bald eine Lösegeldforderung kommt.«
Murphy schob sich eine Gabel voll Waffel in den Mund und kaute geräuschvoll. »Wie viel ist sie wert?«
Angewidert verzog Jack das Gesicht. »Du bist widerlich, Murphy. Manchmal ist es mir ein Rätsel, warum du so beliebt bei Frauen bist.«
Murphy wackelte mit den Augenbrauen, bis Jack sich abwandte. »Schätzungsweise vierzig bis fünfzig Millionen Dollar. Mehr, sollten ihre Eltern unerwartet sterben.«
Ich hatte gewusst, dass sie Geld hatte. Aber so viel Geld? Wow.
Mit einem Grinsen wandte sich Murphy an Jack. »Zeig mir noch mal das Bild. Ich spiele mit dem Gedanken, sie ausfindig zu machen. Was meinst du, wie viel Finderlohn man bekommen würde?«
»Manchmal weiß ich nicht, warum ich immer noch denke, ihr wärt hilfreich.«
»Ich kann ein paar Anrufe mache«, bot ich halbherzig an, damit er keinen Verdacht schöpfte.
»Danke, doch ich weiß, wie ich meinen Job zu erledigen habe.« Jack stand auf. »Tschüss und danke für nichts.«
Murphy sah ihm hinterher, bevor er mit den Fingern eine Erdbeere von seinem Teller fischte und in den Mund schob. Er kaute eine Weile, ehe er umständlich schluckte. »Sadie Eadric? Dabei ist sie wirklich nicht dein Typ.«
Ich legte den Kopf schräg, als hätte ich nicht die geringste Ahnung, wovon er sprach.
Murphy grinste. »Keine Sorge. Dein Geheimnis ist bei mir sicher. Ich traue Jack nicht über den Weg. Wie ist sie denn so? Sie sieht nicht aus, als wäre sie leicht unter Kontrolle zu bringen. Dabei hasst du es doch, wenn nicht jeder sofort macht, was du sagst.«
Ich hielt seinem forschenden Blick stand, bis ich die passende Antwort gefunden hatte. Dann lächelte ich. »Sie ist sehr eng.«
Zum ersten Mal, seit ich Murphy kannte, war er sprachlos.

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