All those ugly lies – Teil 10

Palmer

Zum dritten und letzten Mal sprühte ich Desinfektionsmittel auf die Metallbahre, um es danach mit einem Lappen aufzuwischen. Bereits nach dem ersten Durchgang war kein Blut mehr zu sehen gewesen. Aber ich mochte meine Rituale und ging gern auf Nummer sicher.
Dann warf ich den Putzlappen zusammen mit den anderen in Ofen zu Charles’ Leiche. Ich hatte Jack sicherheitshalber eine E-Mail mit den Kontodaten geschickt, bevor er auf die Idee kam, mir einen weiteren Besuch abzustatten. Dafür hatte ich nun wirklich keine Zeit. Außerdem hatte ich etwas viel Besseres vor, als Jacks Sticheleien über mich ergehen zu lassen.
Sadie lag regungslos auf der anderen Liege, unterwegs im Land der Träume. Um sie würde ich mich kümmern, sobald alles andere erledigt war.
Auf dem Boden stand die Reisetasche, in der ich die Tüte mit ihrer blutigen Kleidung und das Messer verstaut hatte.
Die Kleidung wanderte mit in den Ofen, doch das Messer brachte ich in mein Arbeitszimmer. Die Schreibtischplatte ruhte auf zwei Aktenschränken und während der eine tatsächlich ein Schrank mit Schubladen war, versteckte sich hinter der anderen Front mein Safe.
Ich öffnete ihn, dann legte ich das Messer mit Sadies Fingerabdrücken hinein. Eine ganze Weile betrachtete ich die Mordwaffe und lauschte dabei. Heute hatte ich mich für ein Hörbuch statt der üblichen Musik entschieden. Um Sadie nicht zu wecken oder ihr merkwürdige Träume zu verursachen, trug ich Kopfhörer und lauschte den Erkenntnissen von Nietzsche, die von einer neutralen, beinahe geschlechtslosen Stimme vorgelesen wurden.
Ich konnte nicht anders, als bei dem Gehörten zu grinsen. Nietzsche war der Meinung gewesen, Moral würde dumm machen.
Hatte ich deshalb daran gedacht, das Messer sorgfältig zu verstauen, um ein Druckmittel gegen Sadie in der Hand zu haben? Immerhin waren meine moralischen Ansprüche höchst zweifelhaft, während ich klug genug war, mich abzusichern.
Ich schloss den Safe und vergewisserte mich, dass er abgeschlossen war, denn Sadie würde nicht für immer bewusstlos bleiben. Als ich mich erhob, sagte der Erzähler:

Der Moralität geht der Zwang voraus, ja sie selber ist noch eine Zeit lang Zwang, dem man sich, zur Vermeidung der Unlust, fügt. Später wird sie Sitte, noch später freier Gehorsam, endlich beinahe Instinkt: dann ist sie wie alles lang Gewöhnte und Natürliche mit Lust verknüpft – und heißt nun Tugend.

Tugend, dachte ich. So ein altes Wort. Wann immer ich Zeitung las oder die Nachrichten sah, wunderte ich mich, dass es nicht längst ausgestorben war. Legte überhaupt noch jemand Wert auf das sogenannte moralisch vorbildliche Verhalten?
Ich mit Sicherheit nicht und Mathis, der in diesem Moment in einem Hotelzimmer vor sich hinrottete, ganz bestimmt auch nicht.
Sadies Unterwäsche kam mir in den Sinn. Sie lag bereits im Ofen und würde mit dem biederen Rock und der Bluse zusammen in Flammen aufgehen, sobald ich den Knopf an der Außenseite betätigte.
Im Gegensatz zum braven Ersteindruck, schien Sadie eine weitere, verborgene Facette zu haben, die eben erst zum Vorschein kam, wenn man die obere Schicht abblätterte. Was sagte das über ihre Tugend aus?
Die Unterwäsche hatte förmlich »Fick mich!« geschrien und ich verstand nicht ganz, was Mathis’ Problem mit Sadie gewesen war. Ihn konnte ich nicht mehr fragen, aber vielleicht würde meine hübsche Gefangene es mir verraten.
Ich nahm die Kopfhörer hab, fuhr mir durch die Haare und ging zum Ofen. Dieses Mal sprang er sofort an. Die Flammen würden sämtliche Beweise vernichten, bis nur noch Sadie und ich wussten, was wirklich im Empire Resort & Spa passiert war.
Sie musste nicht erfahren, dass ich das Messer versteckt hatte. Es spielte für ihre jetzige Situation ohnehin keine Rolle.
Ich schätze die verbleibende Zeit, die das Narkosemittel wirken würde, auf knapp zwanzig Minuten. Rückwirkend betrachtet hatte Charles doch schneller aufgegeben, als ich gedacht hatte. Wobei ich nicht wirklich bei der Sache gewesen war. Wenn ich die Wahl zwischen einem haarigen Kerl mit schlechtem Atem und einer verführerischen Blondine hatte, die nur mit einem dünnen Shirt bekleidet war, brauchte ich nicht lange, um mich zu entscheiden.
Ich zog den Rollhocker zu mir und setzte mich an den Tisch, auf dem Sadie lag. Im Nebenraum klackte der Ofen fröhlich vor sich hin, was mich beruhigte. Ich war noch nicht dazu gekommen, einen weiteren Reperaturversuch zu unternehmen, und war erleichtert, dass er zumindest heute seine Arbeit freiwillig verrichtete.
Sadie Brust hob und senkte sich gleichmäßig. Ich konnte nicht widerstehen und berührte ihr Haar. Die Locken waren so seidig, dass ich mich ein paar Augenblicke nur damit beschäftigte, sie zwischen meinen Fingern zu reiben.
Es wäre so leicht, ihr das Shirt abzustreifen und sie nackt vor mir zu haben. Wenn ich ein Messer nahm, würde ich sie nicht einmal anheben müssen. Ich könnte es ihr einfach vom Leib schneiden.
Das Blut rauschte in meinen Ohren, während ich mich auf das Verlangen konzentrierte, das durch meine Adern pulsierte.
Fuck! Wie sehr ich sie wollte. Allein, wie ihr verführerischer Duft in meine Nase stieg, ließ mich beinahe verrückt werden. Sie war mir ausgeliefert und ich müsste nichts weiter tun, als sie ins Schlafzimmer zu bringen. Ich wusste, wie umwerfend sie auf meinem Bett aussehen würde. Mit den Fingern umfing ich ihre schmalen Handgelenke und stellte mir vor, dass es blutrote Seile waren, die sie festhielten. Ob sie dann endlich Panik in den Augen hätte? Würde sie ihren hübschen Mund öffnen und um Gnade betteln?
Vielleicht würde sie mich aber auch anflehen, weiterzumachen.
Meine Hände glitten über ihre Arme, bis sie über ihren wohlgeformten Titten verharrten. Es war alles da, frei zugänglich für mich.
Nur hatte ich kein Recht, sie anzufassen. Oder?
In mir stritten die Gefühle. Sie war freiwillig mit mir gekommen, gleichzeitig war ihr auf gewisse Weise keine andere Wahl geblieben. Ich hatte ihr zu verstehen gegeben, dass ich kein netter Kerl war und trotzdem hatte sie darauf bestanden, an meiner Seite zu bleiben. Was hinderte mich also daran, mir zu nehmen, was ich wollte?
Sie hatte eindeutig auf meinen Kuss reagiert, sie wollte mich auch. Zumindest sagte ich mir das immer und immer wieder.
Ich schloss meine Hand um ihre Kehle und erinnerte mich an einen weiteren Satz von Nietzsche, der hängengeblieben war. Die Bestie in uns will belogen werden.

 

Quelle: Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister, 1878-1880. Erster Band. Zweites Hauptstück: Zur Geschichte der moralischen Empfindungen

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