All those ugly lies – Teil 9

Sadie

Ich fühlte mich wunderbar. Leicht und schwerelos, dabei war es angenehm weich und ich glaubte, zu schweben. So war es bestimmt, wenn man auf einer Wolke lag. Vielleicht hatte ich mich aber auch verflüssigt und glitt geschmeidig dahin.
Es schien eigentlich keine große Rolle zu spielen, da alles in Ordnung war. Zum ersten Mal seit einer langen Zeit schien ich glücklich zu sein. Kein Bedürfnis plagte mich, keine Sorge beschäftigte mein Bewusstsein. Ich schwebte über allem.
Dabei fühlte ich mich an die letzten sorglosen Moment erinnert. Warum ausgerechnet der Tag in meinen Sinn kam, an dem ich mit Marybeth Waters und Stephanie McReach auf dem Spielplatz hinter dem Restaurant im Valley gewesen war, konnte ich nicht sagen.
Marybeth war älter und cooler als wir gewesen. Mir war beinahe das Herz stehengeblieben, als sie vollkommen lässig eine Packung Zigaretten auf ihrer kleinen Handtasche gezogen hatte, um uns welche anzubieten.
Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch nicht einmal eine Handtasche besessen, da meine Eltern gesagt hatten, ich müsste nichts mit mir herumtragen. In meinen Augen war Marybeth so erwachsen, dass ich es kaum aushielt. Trotzdem hatte ich den Kopf geschüttelt. Mein Dad hatte immer heimlich geraucht, doch meine Mutter war zu jeder Tages- und Nachtzeit in der Lage, es zu riechen. Sie würde sofort wissen, was ich getan hatte.
Stephanie hatte auf der Schaukel gesessen und mich ausgelacht. Immer lauter und schriller, bis mir klar geworden war, dass sie nicht länger lachte, sondern schrie, da sie im hohen Bogen von der Schaukel flog.
Ihr Kreischen hörte nicht auf, bis unsere Eltern nach draußen kamen. Ihre Nase war ebenso gebrochen gewesen wie ihr Arm an zwei Stellen.
Obwohl es warm war und ich mich sicher fühlte, hörte ich ihren Schrei so deutlich an meinem Ohr, dass mir ein Schauer über den Rücken lief. Meine Erinnerung schien verzerrt zu sein, denn ich hatte ihre Stimme nie so dunkel eingeschätzt.
Der Lärm schwoll an und ab und an und ab, bis ich die Augen aufschlug.
Ich blinzelte, doch das Geschrei hielt an. Mir war nicht länger warm und ich lag auch nicht weich. Stattdessen spürte ich kaltes Metall unter meinen Fingerspitzen, die ich nicht bewegen konnte.
Es dauerte nicht lang, bis ich erkannte, dass ich gar nichts bewegen konnte.
Meine Sicht war verschwommen, weshalb ich die Augen einen Moment schloss, um mich zu konzentrieren.
Was war passiert?
Blut – das war mein erster Gedanke. So viel Blut.
Nach und nach sickerten die Bilder in mein Bewusstsein. Meine Atmung beschleunigte sich und für einen Moment glaubte ich, wieder ohnmächtig zu werden.
Ich hatte Mathis getötet. Was war danach passiert?
Hatte ich nicht versucht, einen Deal mit Palmer auszuhandeln?
Grundgütiger, Palmer. Mein Magen zog sich zusammen und schickte eine Welle Übelkeit durch meinen Körper. Er hatte mich geküsst. Danach war nichts mehr. Es herrschte absolute Leere in meinem Gedächtnis.
Langsam schlug ich die Augen erneut auf. Es musste eine Erklärung dafür geben, warum ich mich nicht bewegen konnte.
Dieses Mal konnte ich klar sehen. Was nicht bedeutete, dass es mir damit besser ging.
Palmer stand mit dem Rücken zu mir. Ich erkannte ihn an der gerade Körperhaltung und den kräftigen, tätowierten Armen. Seine Hände steckten in blutigen Handschuhen, er hielt ein Skalpell und legte etwas auf das Tablett neben ihm.
Dort lag bereits ein großer Haufen dieser … dieser Lappen.
»Charles. Das Thema hatten wir bereits. Ich bin nicht bestechlich. Es ist wirklich bedauerlich, dass du dich nicht von deinem Elend erlösen willst.«
Das Skalpell verschwand aus meinem Sichtfeld und die Schreie hallten durch den Raum. Es war nie Stephanie gewesen, die in meiner Erinnerung geschrien hatte, es war der Mann, den Palmer als Charles bezeichnete.
Charles lag auf einem Operationstisch aus Edelstahl. Ich konnte mich nicht bewegen oder nach unten sehen, aber ich wusste instinktiv, dass ich auf einem ähnlichen Tisch lag. Panik ballte sich in meinem Bauch.
Sollte ich mich in Palmer getäuscht haben? Hatte er mich hierher gebracht, um mich zu töten?
Die Schreie zerfetzten meine Nerven und ich hätte die Welt dafür gegeben, mir die Ohren zuhalten zu können.
»Ich frage zum letzten Mal: Wo ist das Geld?« Ein weiterer Lappen fiel auf das Tablett neben Palmer.
Moment mal – war das eine Brustwarze auf dem Lappen?
Die schreckliche Erkenntnis ließ mich würgen. Das war Haut. Palmer zog dem Mann namens Charles bei lebendigen Leib die Haut ab.
Das Geräusch schien Charles’ Aufmerksamkeit zu erregen, denn sein Mund klappte zu und er sah mich an. »Grundgütiger! Hilf mir!«, brüllte er in meine Richtung, was auch Palmer veranlasste, mich anzusehen. Charles warf sich herum. »Warum hilfst du mir nicht? Du bist nicht mal gefesselt. Hilf mir, du nutzloses Miststück.«
»Hey!« Palmer packte sein Kinn und drückte die Klinge des Skalpells in Charles’ speckige Wange. »Wenn du sie noch einmal beleidigst, schneide ich dir als Nächstes die Zunge heraus. Solange deine Hände intakt sind, kannst du mir die Kontonummern notfalls aufschreiben.« Er ließ ihn los, legte das Skalpell weg und zog die blutigen Handschuhe aus.
Es wirkte sehr routiniert, wie er die Handschuhe in den großen Mülleimer unter der Arbeitsfläche rechts von ihm warf und sich anschließend die Hände wusch, bevor er sie desinfizierte.
Mein Herz hämmerte wie verrückt, als er zu mir kam.
Ich wollte zurückzuzucken, als er die Finger ausstreckte, doch ich konnte mich nicht rühren.
Mit federleichten Bewegungen strich Palmer ein paar Haarsträhnen aus meinem Gesicht und drehte meinen Kopf, sodass ich an die Decke sehen musste.
»Es tut mir leid, dass du schon wach bist, Sweetheart.« Er lachte leise, während seine Fingerkuppen meine Wange streichelten. »Du wirst es mir nicht glauben, aber es ist verdammt lange her, dass ich mich das letzte Mal mit dem Betäubungsmittel verschätzt habe. Eigentlich solltest du noch tief und fest schlafen.«
Mit größter Anstrengung leckte ich über meine trockene Unterlippe. »Warum kann ich mich nicht bewegen?«
Palmers Augen funkelten. »Weil ich es nicht wollte. Ich hätte dich zwar fesseln können, doch auf diese Weise erschien es mir interessanter. Findest du nicht auch?«
Erst, als ich das Kribbeln auf meinem Oberschenkel spürte, wurde mir klar, dass Palmer mich dort ebenfalls streichelte. Meine Kehle wurde eng.
»Es tut mir leid, dass sein Geschrei dich geweckt hat. Eigentlich hättest du das nicht mitbekommen sollen. Ich fürchte, es wirft ein schlechtes Licht auf mich.« Parker ließ seinen Blick über meinen Körper wandern.
Ich erschauerte unter der Intensität. Seine Finger wanderten höher und höher, was meinen Puls beschleunigte. Mir wurde klar, dass ich kein Höschen unter dem Shirt trug und einem Fremden hilflos ausgeliefert war.
»Schon okay«, rang ich mir ab. »Du hast mich gewarnt.«
»Das habe ich tatsächlich.« Er legte den Kopf schräg und hielt inne. »Willst du damit sagen, dass du keine Angst hast?«
»Doch. Natürlich habe ich Angst.«
Der Mann auf dem Nebentisch unterbrach sein schmerzerfülltes Wimmern lang genug, um zu sagen: »Die solltest du auch haben. Wer weiß, was er mit dir vorhat?«
Palmer presste die Lippen aufeinander, aber auch ich war nicht gerade glücklich über die Einmischung. Ich fühlte mich, als hätte er einen sehr intimen Moment gestört.
Mit einem Seufzen zog Palmer seine Hände zurück und wollte sich aufrichten.
»Warte«, bat ich. »Warum machst du das?« Ich wollte in Charles’ Richtung nicken und vergaß, dass ich mich nicht bewegen konnte. Es kostete mich unglaublich viel Konzentration und Kraft, meinen Kopf zur Seite rollen zu lassen. Vermutlich ließ das Betäubungsmittel nach. Die Vorstellung hätte mich erleichtern sollen, stattdessen jagte sie mir Angst ein.
»Weil ich dafür bezahlt werde.« Palmer ging zurück zur Arbeitstheke und zog ein neues Paar Handschuhe aus der Box, die dort stand.
»Von wem wirst du bezahlt?«
»Du bist zu smart, Sweetheart. Das könnte noch gefährlich werden.« Er zwinkerte mir zu und nahm das Skalpell wieder in die Hand.
»Warum?«, fragte ich schnell, um ihn abzulenken. Er konnte doch nicht allen Ernstes weitermachen wollen, während ich hier lag.
»Hör auf, mir Fragen zu stellen. Ich bin kein Lügner und mit jeder Frage, die ich dir wahrheitsgemäß beantworte, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ich dich wieder gehen lassen kann.«
Mein Atem stockte. »Okay. Vergiss die Frage.«
»Das dachte ich mir.« Palmer grinste mich an, dann führte er das Skalpell zu Charles’ Körper.
»Nicht«, bat ich.
»Hast du Mitleid mit ihm?«
»Nein. Seine Schreie sind …« Ich brach ab, weil ich nicht wusste, was ich sagen sollte.
Himmel! Ich wusste nicht einmal, was ich denken sollte. Der letzte Teil Vernunft in meinem Hinterkopf appellierte an meine Vernunft. Die einzig vernünftige Reaktion wäre es, um Hilfe zu schreien und einen Fluchtversuch zu unternehmen, statt mit meinem Entführer eine normale Unterhaltung zu führen.
Halbwegs normale Unterhaltung.
Absurde Unterhaltung.
Ich kniff die Augen zusammen, um dem Chaos Herr zu werden. Immerhin hatte ich Palmer angefleht, mich mitzunehmen, und er hatte mich eindringlich gewarnt.
»Der Punkt ist«, erklärte er. »Ich hätte dich gern in meiner Nähe. Es wäre nicht sonderlich verantwortlich, dir ein Betäubungsmittel zu geben und dich gefesselt außerhalb meiner Sichtweite liegenzulassen. Du könntest Krämpfe bekommen oder dich übergeben. Ist mir zwar noch nicht passiert, aber es könnte vorkommen. Leider beinhaltet meine Sichtweite auch die Hörweite von Charles. Er ist nicht ganz so kooperativ, wie ich es gern hätte, also wird das hier noch etwas dauern. Was schlägst du vor, was ich tun soll?«
Fast hätte ich gelacht. Wirkte ich vielleicht, als hätte ich ein Handbuch für solche Situationen parat?
Ich dachte an das weiche, warme Gefühl und wie sicher ich in meiner Traumblase gewesen war. Unter keinen Umständen war ich bereit, schon darüber nachzudenken, was ich Mathis angetan hatte, was Mathis mir hatte antun wollen, und welche Rolle mein Vater in dem ganzen Drama spielte.
Mein Kopf versuchte noch, zu rationalisieren, aber ich wusste längst, worauf es hinauslaufen würde. Egal, wie ich die Situation drehte und wendete, ich war Palmer hilflos ausgeliefert. Doch es gab keinen Grund, nicht einen Nutzen daraus zu schlagen.
»Wie lange wirst du noch brauchen?«
Palmer zuckte mit den Achseln. »Ein oder zwei Stunden.«
Das erschien mir absurd lang, um jemanden zu foltern. Mir wurde klar, dass ich gar nicht wusste, wie lange ich hier schon lag. Wenn ich die Menge Haut betrachtete, die auf dem Tablett lag, war er schon eine Weile mit Charles beschäftigt gewesen, bevor ich aufgewacht war.
»Macht dir das Spaß?« Meine Stimme zitterte. Warum sollte er sich sonst so viel Zeit lassen?
Palmer lächelte und wirkte dabei nicht einmal gruselig oder gestört. »Und wie.«
Bittere Galle stieg in meiner Kehle auf. Ich schluckte mehrmals. »Lass mich weiterschlafen.«
»Bist du dir sicher?«
»Ganz sicher.«
»Nichts leichter als das.« Er zuckte mit den Achseln und ging zurück zur Arbeitsfläche. Für ein paar Sekunden konnte ich lediglich seinen Rücken betrachten, bis er mit einer Spritze zu mir kam. »Ich verspreche, dass ich fertig bin, wenn du aufwachst.«
Mir lag eine Frage auf der Zunge, als ich den Einstich spürte, doch ich stellte sie nicht, weil ich zu viel Furcht vor der Antwort hatte. Immerhin war Palmer immer ehrlich.
Deshalb wollte ich lieber nicht wissen, was er plante, wenn ich wieder wach wurde.

Ein Gedanke zu “All those ugly lies – Teil 9

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s