All those ugly lies – Teil 5

Sadie

Hätte ich nicht bereits die halbe Flasche Absolut Vodka Peppar geleert, wäre ich garantiert nicht ans Handy gegangen. Der Pfeffergeschmack erfüllte meinen Mund, als ich nach dem Telefon tastete und die Augen zusammenkniff, um den Namen lesen zu können.
Mathis.
Keine große Überraschung, da er an diesem Tag allein gefühlt zwanzig Nachrichten hinterlassen hatte.
In meiner Familie waren wir nicht unbedingt gut darin, über Gefühle zu reden, weshalb ich ihnen noch nichts von meinem Streit mit dem perfekten Frankokanadier erzählt hatte. Manchmal war ich mir sicher, dass meine Eltern Mathis heiraten würden, wenn sie nur könnten. Deswegen zog ich es vor, in meinem Bungalow zu sitzen, traurige Musik zu hören und den einzigen Vodka zu konsumieren, den ich auf die Schnelle hatte auftreiben können. Der Laden hatte gefühlte 28.000 Sorten Wein gehabt, aber nur drei Flaschen Schnaps. Absolut Vodka Peppar – wenn man wusste, dass man kaum noch tiefer sinken konnte.
»Hallo?« Obwohl ich betrunken war, konnte ich selbst hören, wie voll ich war. Normalerweise bildete man sich ja eher ein, vollkommen normal zu klingen. Nicht in diesem Fall. Ich war voll bis unter die Dachrinne.
»Sadie. Gott sei Dank. Ich habe mir Sorgen gemacht.«
Ich streckte mich auf dem Boden aus, während ich mit einer Haarsträhne spielte. »Hm.« Zu eine eloquenteren Aussage war ich nicht fähig.
»Hör zu: Es tut mir leid, wie ich mich verhalten habe. Du hast vollkommen recht. Immer nur Wein, Wein, Wein. Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal über etwas Anderes nachgedacht habe. Bitte lass es mich wieder gutmachen.«
Ich dachte nach. Dabei schwieg ich eine lange Zeit, weil mein Gehirn im betrunkenen Status wesentlich langsamer war. Nach einer Weile wurde mir klar, dass ich etwas sagen musste. »Sprich weiter.«
»Was hältst du davon, wenn wir zusammen wegfahren? Irgendwohin, wo Wein keine Rolle spielt. Nur wir beide. Immerhin habe ich es doch richtig verstanden, dass ich dir noch sechs Orgasmen schulde, oder?« Er senkte die Stimme, bis ich tatsächlich so etwas wie einen verführerischen Tonfall wahrnahm.
»Ich bin betrunken«, verkündete ich vollkommen zusammenhangslos.
»Das weiß ich, Baby. Es tut mir leid, dass ich dich so weit gebracht habe. Wie stehst du zu meinem Vorschlag? Wir machen einen netten Shoppingbummel, besuchen ein Spa und gönnen uns zwei Nächte in einem schicken Hotel. Das bin ich dir schuldig.« Ich ließ es mir durch den Kopf gehen, bis er fragte: »Sadie? Bist du noch da?«
»Ja«, antwortete ich. »Klingt gut.«
Mathis atmete tief durch. »Du glaubst nicht, wie sehr es mich freut, das zu hören. Du hast mich gestern wirklich wachgerüttelt. Hier ist mein Vorschlag: Du schläfst deinen Rausch aus und packst eine Tasche, dann hole ich dich morgen Vormittag ab. Wir gehen frühstücken – ach, was sage ich da! Wir machen alles, wie du es möchtest, und ich verspreche, dass ich nicht einmal an Wein denken werde.«
»Okay.«
»Wunderbar. Schlaf gut, Baby, ich liebe dich.«
Das Handy glitt aus meinen Fingern und noch während ich zusah, wie es zu Boden fiel, fragte ich mich, warum ich ihm nicht mehr glaubte. Nicht einmal dann, wenn mein Urteilsvermögen durch viel zu viel Alkohol beeinträchtigt war.

***

Ich brauchte zwei Kopfschmerztabletten, vier Tassen Kaffee und eine ausgiebige heiße Dusche, bis ich wieder wusste, wie Menschen in der Regel funktionieren.
Zum Glück hatte ich in meinem Bungalow, der exakt so eingerichtet war wie die Ferienhäuser für die Gäste, eine vollausgestattete Küche, und konnte mich selbst mit Kaffee versorgen, ohne meiner Mutter unter die Augen zu treten.
Ich zwang mich sogar dazu, ein Glas Orangensaft zu trinken, obwohl mein Magen sich bereits beim Anblick der sonnengelben Flüssigkeit verkrampfte. Aber ich versuchte, mich selbst mit den darin enthaltenen Vitaminen zu überzeugen. Die Säure brannte ich meiner Speiseröhre und ich war froh, als das Glas leer war.
Mitten in der Nacht hatte Mathis mir eine Nachricht geschrieben, in der er sich für 10.30 Uhr ankündigte. Es war jetzt kurz vor zehn. Ich musste noch packen und meine Haare föhnen.
Wenn ich ehrlich zu mir selbst war, hatte ich eigentlich keine Lust, den ganzen Tag mit Mathis zu verbringen, aber zumindest eine letzte Chance war ich ihm noch schuldig.
Wie immer kam er eine Viertelstunde zu früh und ich konnte froh sein, mir in der Zwischenzeit wenigstens die Haare geföhnt zu haben. Ich ließ ihn herein.
Mathis folgte mir bis ins Schlafzimmer, wo meine geöffnete Reisetasche auf dem Bett stand, und lehnte sich an den Türrahmen. »Eigentlich musst du nicht viel einpacken.«
Als ich ihn fragend ansah, wackelte er bedeutungsschwer mit den Augenbrauen, als würde er andeuten wollen, dass ich ohnehin die ganze Zeit nackt sein würde.
»Warum sagst du das?« Ich runzelte die Stirn.
Er legte seine Hand auf die Brust. »Ich versuche, mir deine Einwände zu Herzen zu nehmen. Du hast ja recht. Ich bin viel zu wenig auf dich eingegangen und habe dir nicht deutlich genug gezeigt, wie sehr ich dich begehre.«
Ein paar Wochen früher hätte ich mich wahrscheinlich über diese Aussage gefreut, doch nun suchte ich in seinen Augen nach der Wahrheit, weil ich ihm nicht glaubte. Es war dieses verfluchte Bauchgefühl, das ich einfach nicht mehr abschütteln konnte. Seit ich den Vertrag zwischen ihm und meinem Vater gefunden hatte, war mein Vertrauen erschüttert. Bisher hatte ich meinen Dad noch nicht darauf angesprochen, da ich mir seine Reaktion ausrechnen konnte. Er würde einen Wutanfall bekommen und mir ausweichen.
Nein, wenn ich wissen wollte, was es damit auf sich hatte, musste ich geschickt vorgehen. Leider hatte ich keine Ahnung, wie ich das anstellen sollte.
Mathis kam zu mir und legte die Hände um mein Gesicht. »Du wirst schon sehen. Ich habe mir etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Heute bin ich nur für dich da und werde dich auf Händen tragen wie eine Prinzessin.«
Ich wartete auf das Herzklopfen, das Flattern der letzten verbliebenen Schmetterlinge in meinem Bauch, doch da war nichts – nur eine ungute Ahnung.
»Wir gehen frühstücken, gehen einkaufen und heute Abend habe ich den besten Tisch im Point Rouge reserviert. Immer, wenn du dorthin wolltest, Baby, habe ich abgelehnt und ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, wieso. Ich musste ein paar Gefallen einfordern, um an die kurzfristige Reservierung kommen, aber mir sagt etwas, dass es die Mühe wert war, wenn ich dich glücklich machen kann.«
Er beugte sich vor und spitzte die Lippen. Ich erwartete einen Kuss, weshalb ich mich kurz versteifte, bis ich eine flüchtige Berührung an der Wange spürte.
Es war merkwürdig. Mathis sagte die süßesten Sachen zu mir und gab mir Kosenamen, doch manchmal hatte ich den Eindruck, dass er beinahe angewidert von mir war.
»Auf geht’s«, sagte er und nahm die Reisetasche in die Hand. Er wandte sich zu mir und zum ersten Mal seit Wochen hatte ich den Eindruck, endlich wieder den Mathis zu sehen, den ich damals kennengelernt hatte.
Vielleicht bestand noch der Hauch einer Hoffnung. Das Wochenende würde endlich Licht ins Dunkel bringen.
***

Nachdem die Reste des Desserts weggeräumt worden waren, wusste ich bereits nicht mehr, worüber ich mit Mathis reden sollte. Auf dem Weingut oder beim Abendessen mit meinen Eltern war mir nicht so schmerzhaft bewusst gewesen, wie wenig wir uns eigentlich zu sagen hatte.
Wenn ich darüber nachdachte, verbrachten wir generell kaum Zeit zu zweit. Mathis wollte ständig neue Restaurants ausprobieren, dann wurden wir auf Partys eingeladen oder hatten selbst Veranstaltungen auf dem Weingut. Die Vorstellung, einen Abend mit ihm auf der Couch in meinem Bungalow zu verbringen, erschien geradezu absurd.
Ich wollte ihn nicht ausschließen, doch alles, was das von ihm geplante Wochenende in mir auslöste, war die Erkenntnis, dass wir nicht zusammenpassten. Natürlich gab es keinen vernünftigen Zeitpunkt, dieses sensible Thema anzusprechen – schon gar nicht hier im Restaurant. Sobald wir später im Hotel waren. würden wir sicher die Gelegenheit für ein Gespräch haben. Es musste Mathis auch längst aufgefallen sein. Wir hielten an etwas fest, das nie funktionieren würde.
In dem Moment legte Mathis seine Hand auf meine. »Du siehst wunderschön aus, Baby. Habe ich das heute schon gesagt? Ich kann es kaum erwarten, zum Empire Spa zu kommen, und dich ganz für mich allein zu haben.«
Fast hätte ich ihm meine Finger entzogen. Meine Lippen formten das Wort »nicht«. In letzter Sekunde hielt ich mich zurück und zwang mich stattdessen zu einem Lächeln. Meine Mutter wäre sicher stolz auf mich gewesen, wie beeindruckend ich den Schein in der Öffentlichkeit wahrte, obwohl ich innerlich nur schreien wollte.
»Was hältst du davon, wenn wir direkt hinfahren? Wir müssen nicht einmal mehr zur Rezeption, weil ich die Zimmerschlüssel schon habe. Es lebe das digitale Zeitalter.« Er zwinkerte mir zu.
»Das klingt gut.« Ich hob meine Mundwinkel etwas weiter an und legte mir dabei die passenden Worte zurecht. Unterschiedliche Interesse und wenig Gemeinsamkeit. Unbefriedigender Sex. Andere Prioritäten im Leben. Freunde bleiben.
In Gedanken versunken bekam ich kaum mit, wie Mathis bezahlte und mich aus dem Restaurant führte. Ich sank auf den ledernen Beifahrersitz und betrachtete die glitzernden Lichter der nächtlichen Stadt, während mein zukünftiger Ex-Verlobter fuhr.
Meine Mutter würde es wahrscheinlich hart treffen. Aber ich war nur froh, der Falle zu entkommen, bevor sie sich in Form einer Hochzeit wie eine Schlinge um meinen Hals legte.
Mathis lenkte seinen BMW 5er Touring die Zufahrt des Empire Spa & Resorts entlang und tätschelte dabei mein Knie. »Ich habe uns die abgelegenste Suite gemietet, damit wir niemanden stören.«
Eigentlich wollte ich lächeln, aber ich konnte mich nicht dazu durchringen. Der ganze Tag fühlte sich erzwungen und falsch an. Ich hatte den Eindruck, Schauspielerin in einem Theaterstück zu sein, dessen Text ich nicht kannte.
Der weiße Flachbau ragte vor uns auf und je näher wir kamen, desto offensichtlicher wurde es, dass wir nicht allein waren.
Ein feuerroter Mustang parkte davor, das genaue Gegenteil zu Mathis’ spießigem Kombi. Der Fahrer lehnte an der Seite, hatte die Arme verschränkte und wartete auf uns. Er wollte zu uns – daran bestand für mich kein Zweifel. Immerhin gab es hier im Umkreis von mehreren hundert Metern kein weiteres Gebäude.
In meinem Bauch machte sich ein merkwürdiges Kribbeln breit. Der Mann sah nicht nach einem Freund meines Verlobten aus. Ganz im Gegenteil. Ein Schauer lief über meinen Rücken, während ich ihn betrachtete.
»Wer ist das?«, wollte ich wissen, als Mathis neben dem Mustang parkte.
»Ein Freund.«
Das ungute Gefühl verstärkte sich. Doch Mathis stieg einfach aus und ließ mir damit keine Möglichkeit, als ebenfalls aus dem Wagen zu klettern.
Der Fremde ließ seinen Blick über mich schweifen, was ich als Einladung auffasste, das Gleiche zu tun.
Er war in etwa einen Kopf größer als ich und hatte breite Schultern. Seine schwarze Kleidung und die unzähligen Tattoos ließen ihn wie einen Bad Boy wirken, aber der Begriff erschien mir vollkommen unzulänglich. In seinen dunklen Augen lag nicht ein Funken Freundlichkeit oder Wärme. Als er seine Muskeln anspannte, fürchtete ich die tätowierten Arme könnten das schwarze T-Shirt sprengen, das er trug. Sein Outfit wurde durch eine Jeans und schwere Boots vervollständigt.
Es irritierte mich, dass er sich bisher weder vorgestellt noch uns begrüßt hatte.
Mathis grinste schief. »Das ist Sadie.«
Der Fremde verzog den Mund und wandte seine Aufmerksamkeit meinem Verlobten zu. Es war nicht die Art, wie er sprach, oder dass er mich dabei vollkommen ignorierte, was mir unter die Haut ging, sondern was er sagte: »Zu dem Schluss bin ich auch schon gekommen. Aber warum zum Teufel lebt sie noch? Wir haben einen Deal, der besagt, dass sie längst tot sein sollte.«

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