All those ugly lies – Teil 4

Palmer

Ich nahm den abgetrennten Finger von der Arbeitsplatte und legte ihn in die Schale, die ich immer benutzte, um meine kleinen Trophäen vorzubereiten. Es war nicht mehr als absurde Eitelkeit, das war mir bewusst. Trotzdem machte es mir Spaß.
Der Ofen hatte die nötigen 650 Grad erreicht und ich konnte Nadias Leiche hineinschieben, bevor ich mich ihrem Finger widmete. Die Zähne lagen bereits in der kleinen, ordentlich beschrifteten Plastiktüte. Ich hatte inzwischen drei davon in der Ablage, da ich Murphy schon länger nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte. Er war der einzige Kontakt zur Regierung, den ich hatte, und sammelte die Zähne eigentlich regelmäßig ein. Zwar hätte ich ihn anrufen können, doch ich vertraute darauf, dass er sich melden würde, wenn er etwas brauchte. Das hatte er bisher immer getan.
Nachdem ich die Schale mit dem Finger ins Terrarium gestellt hatte, ließ ich die Speckkäfer darauf los. Immerhin war ich nur an den Knochen interessiert. Das Fleisch überließ ich lieber den Käfern. Aufgrund dessen, dass ich mich nicht darum kümmern musste, blieb mir auf diese Weise mehr Zeit für andere Dinge. Zum Beispiel den Mann im zweiten Raum.
Ich ging hinüber und betrachtete ihn. Er lag auf einer Liege. Die Fixierung an seinem Kopf ließ ihm keine andere Wahl, als aus weit aufgerissenen Augen an die Zimmerdecke zu starren. Vermutlich wunderte er sich, warum er nicht wie versprochen ein neues Gesicht für seine Zeugenaussage bekommen hatte, sondern geknebelt aufgewacht war.
Ich hatte mich gerade für das zweitgrößte Messer entschieden, da gab der Ofen ein lautes Knacken von sich – so laut, dass ich es im Nebenraum hören konnte. Mit einem Seufzen legte ich das Messer zurück. Es gab nichts, was ich so sehr hasste wie Unregelmäßigkeiten in meinem Arbeitsplan.
Seit ein paar Monaten machte der Ofen Probleme und obwohl ich alles gelesen hatte, was ich zu Krematorien und den Öfen gefunden hatte, wusste ich nicht genau, wie das Ding repariert oder gewartet werden musste.
Mein Job beinhaltete nun einmal eine gewissen Diskretion, weshalb ich es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren konnte, erst einen Handwerker kommen zu lassen, um ihn danach umzubringen, weil er den Ofen gesehen hatte.
Außerdem würde ich in den Betrieb, in dem der Mann arbeitete, einbrechen müssen, um seine Unterlagen zu vernichten. Selbst dann wäre nicht sichergestellt, dass er nicht einem Bekannten, Kollegen oder seiner Frau von dem Auftrag an diesem Tag erzählt hatte, woraufhin sämtliche Spuren nach seinem Verschwinden auf mich deuten würden.
Es ging einfach nicht. Sobald ich eine Zeitlang Leerlauf hatte, würde ich mich selbst auf die Suche nach dem Fehler machen müssen. Zum dritten Mal.
Ich drückte wieder auf den roten Knopf und der Ofen sprang an, als wäre nichts gewesen.
Das war der Nachteil, wenn man solche Dinge aus zweiter Hand kaufte: Man bekam keine Bedienungsanleitung mitgeliefert.
Wobei es eher ein Zufall gewesen war, dass ich an das Haus geraten war, das direkt ein eingebautes Krematorium besaß. Gekauft hatte ich vor knapp sieben Jahr von Big Tito, einem zu diesem Zeitpunkt ehemaligen Mafia-Mitglied.
Ich war erstaunt gewesen, als ich ihn getroffen hatte. Bisher war ich davon ausgegangen, dass die Mafia kein Unternehmen war, das man einfach verlassen konnte, wenn einem der Sinn danach stand. Big Tito hatte mich eines Besseren belehrt. Allerdings war er sehr clever gewesen. Er war ausgestiegen und hatte der Mafia gleichzeitig einen perfekten Deal angeboten: Sie ließen ihn gehen, er kümmerte sich dafür um sämtliche anfallenden Leichen. Denn Big Tito hatte schon in diesem Stadtteil gewohnt, als es noch eine üble Ecke gewesen war. Damals hatte er einen Spottpreis für die Villa bezahlt und den Ofen erst danach entdeckt. Inzwischen war es eine hippe Gegend mit riesigen Anwesen, die genügend Privatsphäre boten.
Ich wartete ab, ob der Ofen erneut den Dienst quittieren würde, bis ich das Zischen der Flammen hörte. Alles klar, dachte ich und ging wieder zu Opfer Nummer 67 für dieses Jahr.
In guten sechs Stunden musste ich am Spa sein – mehr als genug Zeit, um mich mit Nummer 67 zu beschäftigen.
Spontan entschied ich mich gegen das Messer und nahm stattdessen die Spritze. Für das, was ich mit ihm anstellen wollte, musste er stillhalten. Ich hatte aus Erfahrung allerdings gelernt, dass die wenigsten Menschen ruhig blieben, wenn man ein Skalpell an ihrer Stirn ansetzte, die Haut aufschnitt und zurückschlug. Deshalb benutzte ich lieber meinen speziell hergestellten Betäubungsmittelcocktail. Meine Opfer konnten sich nicht bewegen, waren aber bei vollem Bewusstsein und spürten alles. Wo wäre sonst der Spaß geblieben?
In den letzten Tagen hatte ich einige interessante Artikel zum Claustrum gelesen und wollte es mir nun einmal selbst ansehen. Wenn ich ehrlich war, hatte es gedauert, bis ich mich an das Geräusch der Knochensäge gewöhnt hatte, deshalb überraschte es mich nicht, dass mein Pseudo-Patient entsetzt wirkte. Er hätte wahrscheinlich die Augen aufgerissen, wenn er gekonnt hätte. Nachdem ich die Schädelplatte zur Seite gelegt hatte, betrachtete ich das Gehirn von Nummer 67. Es wirkte reichlich unspektakulär.
Vermutlich ebenso unspektakulär wie das Claustrum selbst. Es war angeblich nicht mehr als ein grauer Lappen, der grob wie die Vereinigten Staaten von Amerika geformt war.
Viel faszinierender fand ich die Tatsache, dass es keine genauen Erkenntnis darüber gab, was die Funktion des Claustrums war. Einige Forscher waren der Meinung, es würde das Zusammenspiel verschiedener Gehirnregionen steuern, quasi wie ein Dirigent das Orchester. Andere glaubten, dass es die Seele der Menschen beherbergte. Außerdem gab es Studien, bei denen gemessen worden war, wie viel mehr das Claustrum durchblutet wurde, wenn Männer sich Pornos ansahen.
Das zusammengenommen mit der Theorie über den Sitz der Seele sagte vermutlich viel über unsere Gesellschaft aus.
»Siehst du gern Pornos?«, wollte ich von Nummer 67 wissen.
Seine Lippen formten lautlos das Wort ja. Ich nickte. Nicht, dass er nach heute noch eine Gelegenheit bekommen würde, sich einen Porno anzusehen, aber es befriedigte mich immer, wie ehrlich die Leute auf meinem Tisch waren. Entweder sie wurden von der Panik dazu getrieben oder durch die Erkenntnis, dass es keine Rolle mehr spielte, was sie sagten, da das Ende ohnehin gekommen war.
Es machte keinen Sinn, das Ganze noch weiter hinauszuzögern. Mit dem Skalpell arbeitete ich mich durch den Neocortex. Das Claustrum war nicht schwer zu finden und trotzdem war ich stolz, als ich es hervorholte. Es war kleiner als ich es mir vorgestellt hatte.
Nummer 67 zuckte ein letztes Mal, bevor seine Augen leer wurden.
Mitleidslos betrachtete ich ihn, dann legte ich das graue Stück Gehirn auf einen Objektträger, um es mir nachher in tausendfacher Vergrößerung anzusehen. Vielleicht würde es mir ja gelingen, herauszufinden, ob dort die Seele saß oder nicht.
Wobei ich mir, bei dem, was Nummer 67 in seinem Leben angestellt hatte, nicht vorstellen konnte, dass er überhaupt eine Seele gehabt hatte.
Stone Sour dröhnten noch immer aus dem Sound Dock und während ich den Objektträger gegen das Licht betrachtete, spürte ich ein Lächeln auf meinen Lippen. Vielleicht würde der Tag doch nicht so schlimm werden, wie ich ursprünglich gedacht hatte.
Jetzt musste ich mich nur noch um den Knochen für meine Trophäe kümmern.

4 Gedanken zu “All those ugly lies – Teil 4

  1. Liebe Mia, ich kann verstehen dass dir nach dem schreiben von Teil 4 etwas schlecht war. Man ist das krass. Ich würde im Leben nicht auf sowas kommen. Ich hoffe doch sehr dass es wirklich alles Menschen waren, die schlimme Dinge getan haben, die bei ihm landen. Palmer scheint trotzdem ganz schön gestört zu sein, wobei das noch harmlos ausgedrückt ist 🙈😱
    Liebe Mia, weiter so. Bin schon sehr gespannt auf Dienstag

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  2. Hallo Mia, mir ist zwar noch nicht schlecht, aber mir ist echt gruselig. Wie kommt man darauf das Fleisch von dem Finger von Kaefern befreien zu lassen. Brrrr. Dieses Mal ist Parker echt etwas heftiger als sonst. 🙂

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