All those ugly lies – Teil 3

Sadie

Ich fragte mich, ob Mathis bewusst war, dass ich seit exakt elf Minuten kein Wort mehr gesagt hatte. Nicht mehr, seit er angefangen hatte, mit der rothaarigen Kellnerin zu flirten.
Ein Teil von mir war sich der Tatsache, wie egal mir sein Verhalten geworden war, geradezu schmerzhaft bewusst.
Ich hatte mein Handy unter der weinroten Stoffserviette versteckt und schaute immer wieder verstohlen aufs Display, um nicht unhöflich zu wirken. Dabei hatte mein Verlobter gar keine Aufmerksamkeit für mich übrig.
Es brachte alles nicht, ich musste ihm endlich sagen, was längst überfällig war. Ich faltete meine Hände im Schoß, machte mich innerlich bereit und wartete.
»Das könnte der bisher beste Jahrgang sein«, erklärte Mathis mir, nachdem die Kellnerin endlich verschwunden war. Er nahm die Flasche Petit Duret in die Hand und machte ein riesiges Theater darum, das Etikett zu studieren. Eigentlich fehlte nur noch ein Monokel vor seinem Auge. Dann goss er mir erneut Wein ein.
»Mathis«, begann ich.
Doch genau in diesem Moment legte er seine Hand auf meine und lächelte mich an. Mit Mühe konnte ich mich dazu zwingen, meine Mundwinkel hochzuziehen.
Er streichelte meinen Handrücken mit dem Daumen. »Habe ich dir heute schon gesagt, wie hübsch du aussiehst?«
»Hübscher als die Kellnerin?« Ich hatte mich zurückhalten wollen, trotzdem rutschte mir diese kleine Spitze heraus.
»Selbstverständlich. Baby, ich kann nichts für meinen natürlichen Charme.« Entschuldigend zuckte er mit den Achseln, bevor er sich wieder dem Wein zuwandte.
Sein »natürlicher Charme« schien sogar meinen Vater eingewickelt zu haben. Ich überlegte, wie ich das Thema darauf bringen konnte.
Ehe ich die richtigen Worte gefunden hatte, griff Mathis wieder nach der Weinflasche.
Er legte den Kopf schräg und wirkte damit wie ein neugieriger Vogel. »Die meisten Weinkellereien in der Gegend sind kaum Konkurrenz, aber der hier – darauf müssen wir ein Auge haben.«
»Vermutlich«, erwiderte ich und ließ den Wein in meinem Glas kreisen. Manchmal wünschte ich mir, wenigstens einen Abend hinter mich bringen zu können, ohne über dieses Thema sprechen zu müssen. »Mathis, als du mir gesagt hast, dass ich die Lieferformulare in deiner Ablage finde, habe ich nachgesehen und stattdessen etwas anderes gefunden.«
Mein Verlobter schien seine Aufmerksamkeit nur mit Mühe von dem Wein losreißen zu können. »Was denn, Baby?«
Ich betrachtete sein absolut durchschnittliches Gesicht und fragte mich, was ich überhaupt an ihm fand. Am Anfang unserer Beziehung hatte sich seine Miene aufgehellt, sobald er mich angesehen hatte. Jetzt betrachtete er mich wie eine Weinrebe, die nicht den gewünschten Ertrag brachte.
Bisher hatte ich noch keinen Schluck getrunken und stellte das Glas weg. »Ich hatte gehofft, du könntest mir die Frage beantworten. Für mich wirkte es wie ein Vertrag, in dem mein Vater dir das Weingut überschreibst – für den Fall, dass mir etwas passiert, sobald wir verheiratet sind. Allerdings war nur deine Unterschrift darauf, weshalb ich nicht genau weiß, wessen Idee es war.«
Ich war den ganzen Tag nervös gewesen, weil ich gewusst hatte, dass ich Mathis mit meinem Fund konfrontieren musste. Jetzt war ich allerdings erstaunlich ruhig, was mich selbst irritierte.
Er blinzelte zweimal schnell hintereinander. Ich kannte ihn lang genug, um zu wissen, was in ihm vorging. Mathis neigte dazu, zweimal zu blinzeln, wenn seine Gedanken rasten und er sich selbst Zeit verschaffen wollte, um nachzudenken.
Die Kellnerin kam wieder und brachte den Salat mit Walnüssen und Ziegenkäse, den ich überhaupt nicht essen wollte. Mathis hatte einfach für uns beide bestellt, ohne mich an der Entscheidung teilhaben zu lassen. Dieses Motiv schien sich in letzter Zeit durch mein Leben zu ziehen. Sie wünschte uns guten Appetit und verschwand.
Mathis räusperte sich. »Das hast du missverstanden, Sadie.« Er griff nach dem Weinglas und trank einen beachtlichen Schluck.
»Ich kann lesen.« Mit gerecktem Kinn verschränkte ich die Arme. »Und ich bin mir sicher, dass ich es richtig verstanden habe. Mich interessiert nur, was es damit auf sich hat.«
»Eine reine Sicherheitsmaßnahme, Baby.« Er wollte erneut nach meiner Hand greifen, doch ließ den Arm sinken, weil ich keine Anstalten machte, meine abwehrende Haltung zu lösen.
»Habt ihr sonst noch Maßnahmen getroffen, von denen ich wissen sollte?«
»Natürlich nicht.« Er versuchte, empört zu klingen.
Ich glaubte ihm nicht und diese Erkenntnis sorgte dafür, dass mein Magen sich zu einem harten Ball zusammenzog. Wie lange wollte ich diese Farce noch aufrecht erhalten?
Er hob den Blick und schaute mich wie ein Hundewelpe aus seinen braunen Augen an. Doch statt Wärme und einer Entschuldigung, sah ich nichts als Härte und Ablehnung. Dann blinzelte er und griff nach meiner Hand. »Entschuldigung, Baby, es war dumm, vorher nicht mit dir darüber zu sprechen. Im Grunde ist es nicht mehr als eine Art Testament.«
Der Moment der Ablehnung war vorbei und er wirkte wieder wie Mathis. Nur, dass ich nicht mehr zu besänftigen war. Der Mathis, den ich kannte, entschuldigte sich nicht und würde niemals zurückrudern. Ihm musste das Thema wichtig sein.
Aber wie konnte ein Testament, das für den absurden Fall, dass mir etwas passierte, Absicherung bieten sollte, ihm dermaßen wichtig sein?
Ein Schauer lief über meinen Rücken. Er baute sich langsam auf meinem Kopf auf, ließ die feinen Haare in meinem Nacken zu berge stehen und rieselte wie feiner Sand über meine Rückseite.
Ging Mathis davon aus, dass mir etwas passieren würde?
Draußen war es sommerlich heiß, trotzdem wurde mir plötzlich eiskalt.
Nein, ich steigerte mich in absurde Vorstellungen hinein. Oder?
Sein Handy vibrierte in der Innenseite seines Jacketts, was ich nur wusste, weil er plötzlich die Hand vor die Brust schlug, als wäre er kurz davor, einen Herzanfall zu bekommen. »Entschuldige«, murmelte er und holte das Telefon heraus.
Ich war mir sicher, dass er über die Unterbrechung froh war. Bisher hatte es zwischen uns keine großartigen Auseinandersetzungen gegeben, weshalb ich mir sicher war, dass Mathis nicht wusste, wie er damit umzugehen hatte.
Während er auf seinem Display tippte, betrachtete ich die blutrote Flüssigkeit im Glas vor mir.
Ich ließ meinen Blick durch das Restaurant schweifen. Es war der neueste Hotspot, Warteliste inklusive. An nahezu jedem Tisch schien ein Sommelier zu stehen und dort, wo sich keiner befand, waren die Gäste damit beschäftigt, Wein in ihren Gläsern kreisen zu lassen.
Früher einmal war es auch mein liebstes Thema gewesen. Ich konnte nicht einmal genau benennen, was sich verändert hatte. Selbst hier in dem Restaurant schien das Essen zweitrangig zu sein. Die Leute waren zu sehr vom Wein fasziniert.
Solange man nicht versuchte, über etwas Anderes zu reden, fiel es einem nicht auf. Nur hatte ich keine Lust mehr auf diese Oberflächlichkeit. Morgens, mittags, abends, beim Essen, beim Spazierengehen, vor dem Einschlafen – Wein, Wein, Wein.
Nach ein paar Versuchen, mit meinen Eltern über das Weltgeschehen oder mit Mathis über Politik zu sprechen, hatte ich aufgegeben. Selbst wenn ich ihnen einen Kommentar entlocken konnte, schwang das Gespräch innerhalb von wenigen Minuten zurück zum Wein.
Ihnen reichte dieses eine Thema vollkommen. Es gab ja genug zu besprechen: Die Wetterbedingungen, neue Rebsorten, die benachbarten Weingüter, Marketingmaßnahmen, die nächste Touristenwelle …
Es hörte nicht auf und ich wusste nicht, wie lange ich es noch ertragen würde. Seit Tagen trug ich mich mit dem Gedanken, dass ich rein gar nichts mit Mathis gemeinsam hatte – abgesehen von der Tatsache, wie sehr er für Wein lebte und meiner Familie zufällig das größte Weingut in der Gegend gehörte.
Seit ich die Idee in meinen Kopf bekommen hatte, konnte ich nicht aufhören, darüber nachzudenken. Er blühte nur auf, wenn es um sein Lieblingsthema ging. Manchmal hatte ich sogar den Eindruck, dass er nur eine Erektion zustande brachte, solange eine Flasche Wein sich im Raum befand. Sex hatten wir so selten, es war kaum der Rede wert. Meistens vermied Mathis es sogar, mich anzufassen.
Seit ich diesen merkwürdigen Vertragsentwurf gefunden hatte, war es mir erst richtig aufgefallen, wie merkwürdig alles war. Vermutlich war ich kurz davor, paranoid zu werden, aber was war, wenn Mathis mich nur ausgewählt hatte, weil ich eines Tages das Weingut meiner Eltern erben würde?
Er hatte mich in einer Bar angesprochen. Damals hatte ich ihn für selbstbewusst und zielstrebig gehalten, doch jetzt war ich mir nicht mehr sicher.
Anfangs war ich Feuer und Flamme gewesen. Mathis war groß und attraktiv. Abgesehen davon waren seine Hände riesig. Ich hatte mich unmittelbar in Fantasien ergangen, wie fest er mit besagten Händen wohl zupacken konnte. Mitten in der Bar hatte ich davon geträumt, mit ihm zu vögeln. Zerwühlte Bettlaken und verschwitzte Körper waren vor meinem inneren Auge vorbeigezogen. Zumal Mathis ein Hemd getragen hatte, das wie eine zweite Haut an ihm geklebt hatte. Es war offensichtlich gewesen, wie muskulös er war.
Doch es war nichts passiert. Nicht an diesem Abend und nicht am nächsten.
Bis zum dritten Date hatte ich nicht einmal einen Gutenachtkuss bekommen.
Es war peinlich genug, dass ich es gewesen war, die den Kuss initiiert hatte. Ich hatte gedacht, dass Mathis vielleicht eine Ermunterung oder einen Hinweis brauchte, da er der perfekte Gentleman war, der mir nicht zu nahe treten wollte. Als er mich geküsst hatte, ganz züchtig mit geschlossenen Lippen auf den Mund, hatte ich meine Hand ausgestreckt und flüchtig über seinen Schritt gestrichen. Mir war aufgefallen, dass er an dem Abend immer mal wieder meinen Ausschnitt begutachtet hatte, und hatte auf einen zumindest halbharten Schwanz spekuliert.
Ich hatte keine Erektion ertasten können und Mathis hatte getan, als wäre nichts passiert.
»Wo waren wir?«, fragte er, nachdem er das Handy wieder in seinem Jackett verstaut hatte.
Mit den Fingern nahm ich einen Crouton aus meinem Salat. »Warum haben wir nie Sex? Warum willst du mich nicht ficken?«
Mathis’ Gesicht wurde feuerrot. »Herrgott, Sadie, wie viel hast du getrunken?«
»Nicht annähernd genug.«
»Ich wünsche nicht, das hier zu diskutieren.« Er beugte sich näher zu mir und flüsterte: »Außerdem haben wir Sex.«
»Oh bitte! Das letzte Mal ist Wochen her.«
Seine Nasenlöcher blähten sich auf, als er tief Luft holte.
Ich streckte die Zunge aus, leckte in eindeutiger Weise über den Crouton und schob ihn zwischen meine Lippen.
Mathis wirkte unberührt, während ich über seine Schulter den Mann am Nachbartisch sehen konnte, der verstohlen in meine Richtung grinste. Wenigstens lag es also nicht an mir. Gut zu wissen.
»Was ist in dich gefahren?«, wollte er von mir wissen. Meine kleine Schauspieleinlage schien ihn völlig kalt zu lassen.
»Ich glaube einfach, das hier ist eine dumme Idee.«
»Du meinst das Restaurant? Sollen wir woanders hinfahren?« Er legte schon wieder den Kopf schräg und ich wollte ihn ohrfeigen.
Doch ich riss mich zusammen und deutete zwischen uns hin und her. »Nein. Ich meine uns. Wir sind keine gute Idee.« Damit stand ich auf und warf meine Serviette auf den unberührten Salat.
»Sadie, bitte«, sagte Mathis mit leiser Stimme, dabei klang er sehr eindringlich.
»Tu mir einen Gefallen, Mathis.«
»Ja?«
»Nenn mir meinen Lieblingswein.«
»Pinot Noir.«
Ich nickte. »Das stimmt. Und mein Lieblingsbuch?«
Er schwieg.
Mit einem Nicken stemmte ich die Hand in die Hüfte. »Kennst du mein Lieblingsessen? Weißt du, in welcher Stellung ich am liebsten ficke? Was sind meine Lieblingsblumen? Meine Lieblingsfarbe?«
Es war zu sehen, wie er mit den Zähnen knirschte. »Was soll das, Baby? Ist es, weil ich den Valentinstag vergessen habe?«
Ich starrte ihn an. »Valentinstag ist mehr als vier Monate her und du hast ihn nicht vergessen. Du hast mir sechs Flaschen Wein geschenkt.«
»Wo ist dann das Problem?«
Um nicht das ganze Restaurant an unserem Streit teilhaben zu lassen, beugte ich mich vor und flüsterte: »Sechs Orgasmen wären mir lieber gewesen.«. Dann richtete ich mich auf und verließ das Restaurant, ohne mich noch mal umzusehen.

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