All those ugly lies – Teil 2

DREI MONATE VORHER

Palmer

Ich zog frische Einweg-Handschuhe über, nachdem ich die blutigen aufgrund der Störung entsorgt hatte. »Das war ein Paket. Entschuldige die Unterbrechung, Nadia.«
Sie schüttelte lediglich den Kopf. Ich hielt inne und betrachtete sie. Wie war das möglich? Eigentlich sollte sie den Kopf nicht bewegen können. Wirklich merkwürdig.
Ich bückte mich und fand den Übeltäter unter dem Tisch. Einer der Lederriemen hatte sich gelöst. Mit festem Griff packte ich Nadias Kopf und fixierte ihn erneut. Sie heulte erbost in ihren Knebel, was mir ein leichtes Lächeln entlockte.
»Was denn? Möchtest du nicht weitermachen? Das hättest du dir vielleicht überlegen sollen, bevor du das Kinderheim angezündet hast.«
Es war noch früh am Morgen und wäre die Expresssendung nicht gewesen, hätte ich Nadia vermutlich längst getötet. Doch jetzt hatte ich heute nichts mehr vor, nachdem ich lediglich geplant hatte, auf das Paket zu warten. Nun lag der Tag unberührt vor mir.
Fast wie Nadia. Im hellen Tageslicht, das langsam durch die Fenster drang und den Raum nach und nach in völlig unpassenden Sonnenschein tauchte, glänzte ihr Blut gerade poetisch auf dem Edelstahltisch.
Sie schloss die Augen und begann eine Melodie zu summen. Durch den Knebel klang es grauenhaft und verzerrt. Ich war versucht, ihr die Zunge herauszuschneiden. Den Leuten, die sie zu mir gebracht hatten, war es ohnehin egal, was mit ihr passierte. Ob ihr die Zunge fehlte oder nicht, spielte nicht die geringste Rolle, solange ich daran dachte, ein paar Zähne zur Identifizierung übrig zu lassen.
Das erinnerte mich daran, dass ich den wichtigsten Teil beinahe vergessen hätte. Ich nahm die Gartenschere vom Tresen und packte Nadias Hand. Sie riss die Augen wieder auf. Das Summen erstarb. Stattdessen versuchte sie, sich gegen die Lederriemen zu stemmen. Aber sie hatte keine Chance.
Die Leute, die bei mir landeten, hatten nie eine Chance. Ihr Schicksal stand in dem Moment fest, in dem sie über meine Schwelle getragen wurden. Die wenigstens kamen freiwillig zu mir. In der Regel hatten sie irgendwen verärgert, der sehr reich und mächtig war. Geld war das einzige Ticket in mein kleines Königreich.
Obwohl ich die Schere schon angesetzt hatte, nahm ich die Fernbedienung für die Surroundsoundanlage und machte die Musik lauter. Aus Gewohnheit hatte ich die Fernbedienung in eine Plastiktüte gepackt, damit kein Blut darauf kam. Früher oder später machte ich die Musik immer lauter. Der Song war gerade vorbei und der nächste begann genau in diesem Moment. Somebody Stole My Eyes.
Der Titel brachte mich regelrecht auf eine Idee. Nadia runzelte die Stirn, als ich mich zu wandte und böse lächelte. »Sag mir, Nadia, wie sehr hängst du an deinen Augen?«
Sie riss die besagten Augen auf und bekam vor lauter Panik, die meine Frage ausgelöst hatte, das laute Schnappen der Gartenschere im ersten Moment gar nicht mit. Zufrieden legte ich ihren kleinen Finger auf den Tresen. Ich würde mich später darum kümmern, ihn zu präparieren.
Dann folgte das Gebrüll. Ich war froh, dass ich von den Ballknebeln wieder zu der guten alten Watte gewechselt war. Sie dämpfte einfach viel mehr.
Nadia funkelte mich wütend an.
Ich zuckte bloß mit den Achseln. »Wie schon gesagt. Man muss seine Lebensentscheidungen gut überdenken. Für ein flatterhaftes Regime im Untergang unzählige Leute zu töten und danach in ein anderes Land zu flüchten, war keine kluge Wahl, Nadia.«
Sie begann zu zittern. Vermutlich war ihr endgültig klar geworden, dass sie mir nicht entkommen konnte. Hinter dem Knebel wimmerte sie und Tränen liefen über ihre Wangen. Es war mir egal.
Ich legte die Rosenschere zurück, nachdem ich das Blut von der Klinge gewischt hatte. Dann nahm ich die Tube Sekundenkleber und schmierte das stinkende Zeug großzügig auf die offene Stelle an Nadias Hand, wo sich zuvor ihr kleiner Finger befunden hatte. Ich wollte nicht, dass sie mir zu schnell verblutete.
Als nächstes würde ich ihren Brustkorb öffnen. Die Vorfreude bescherte mir ein Hoch, an das fast nichts herankam. Das Skalpell fühlte sich wie ein alter Freund in meiner Hand an.
Es war leicht, die Schreie auszublenden, als ich die Klinge ins Fleisch drückte und die Schnitte mit einer Präzision ausführte, die so manchen Chirurgen vor Neid hätte erblassen lassen. Allerdings wollte ich nie Chirurg werden. Ich hatte kein Interesse daran, Menschen zusammenzuflicken. Auseinandernehmen war mehr nach meinem Geschmack. Die Haut befestigte ich mit Klammern, bevor ich den Wundspreizer ansetzte.
Nadia stieß ein langes Heulen aus. Ich fühlte mich bestätigt und schnitt fröhlich weiter, bis ich ihr Herz sehen konnte. Vermutlich war es nicht weiter überraschend, wie hektisch es klopfte. Ich zog mir den Hocker heran, setzte mich und stützte den Ellenbogen auf den Edelstahltisch. Das Klopfen hatte etwas Hypnotisches und ich wollte es mir eine Weile ansehen. Leider musste ich dabei weiter das Gewimmer ertragen.
Ohne hinzuschauen tastete ich nach der Fernbedienung und erhöhte erneut die Lautstärke.
Besser.
Nach einigen Minuten fühlte ich mich ruhiger. Fast schon gelassen.
Mit der Klinge des Skalpells tippte ich abwechselnd die Lungenvene und die obere Hohlvene an. Ich konnte mich nicht entscheiden. Welche sollte es heute sein?
In der letzten Sekunde entschied ich mich für die Aorta. Wie ein Springbrunnen schoss das Blut heraus. Es dauerte nicht lang, bis Nadia mit dem Gezappel aufhörte und ihre Augen leer wurden.
Jetzt hatte ich sie ihr gar nicht herausgeschnitten. Verdammt.
Na ja, da konnte man nichts machen. Ich war heute ohnehin irgendwie nicht ganz bei der Sache. Mich beschäftigte der nächste Termin.
Alles daran stank bis zum Himmel.
Ich hasste es, meine Opfer selbst abholen zu müssen. Unter normalen Umständen tat ich es auch nicht, aber mir war so viel Geld geboten worden, dass ich es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren konnte, darauf zu verzichten.
Wer auch immer am Empire Spa & Resort auf mich warten würde, hatte verdammt viel Geld und dementsprechend auch Macht und die richtigen Verbündeten. Ich hatte vielleicht meine Prinzipien, doch das machte mich noch lange nicht zum Idioten.
Natürlich würde ich pünktlich am Spa sein, allerdings nicht ohne die nötigen Sicherheitsvorkehrungen. So viel stand fest.

5 Gedanken zu “All those ugly lies – Teil 2

  1. Nach dem ersten Teil htäte ich mit vielem gerechnet, aber nicht mit so einer Fortsetzung. MIA nach diesem Teil will ich nur noch wissen wie es weiter geht. DANKE💋

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  2. Wow 😱
    Abartig krass
    Hast du ne Fantasie
    Zwischendurch musst ich echt schlucken und der Drang das Handy kurz beiseite zu legen, wurde übermächtig
    Aber ich konnte nicht aufhören zu lesen😳
    Was sagt das über mich aus? 🙈

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