Merry Christmas – Teil 2

Alice

Ich musste die Luft kurz anhalten, um den Reißverschluss des Rocks das letzte Stück hochziehen zu können. Probehalber wackelte ich mit den Zehen, damit ich überprüfen konnte, ob sie in den engen High Heels überhaupt mit Blut versorgt wurden.
Zumindest im Moment spürte ich noch alle. Ein letztes Mal strich ich meine Haare nach hinten, bevor ich mich daran machte, die Bluse zuzuknöpfen.
Fünfhundert Dollar hatte es mich gekostet, die Kellnerin zu bestechen, die heute eigentlich im Haus von Holden Webb hätte arbeiten sollen. Am Abend vor Weihnachten war nicht unbedingt viel Überzeugungskraft notwendig gewesen, um die Dame zu überreden, mich in ihre Rolle schlüpfen zu lassen.
Sie wollte heim zu ihrer Familie und ich musste irgendwie ins Haus gelangen. Nachdem ich behauptet hatte, in Mister Webb verliebt zu sein, hatte sie mir den Schlüssel für die Hintertür gegeben und mir viel Glück gewünscht.
Wenn sie gewusst hätte, dass es mir nur darum ging, an den Safe im zweiten Stock zu gelangen, wäre sie nicht so bereitwillig auf meinen Vorschlag eingegangen – doch an Weihnachten sorgten emotionale Geschichten dafür, dass Menschen viel entgegenkommender und mitfühlender waren.
Ich tupfte ein letztes bisschen Lipgloss auf meine Lippen und wischte am Augenwinkel herum, obwohl mein Make-up makellos war.
Mit gestrafften Schultern nahm ich die Flasche Wein vom Küchentresen und ging zur Verbindungstür, die ins Esszimmer führte. Die Kellnerin hatte mir verraten, dass insgesamt zehn Gäste erwartet wurden. Allerdings hatte der Schneefall in den letzten zwei Stunden so stark zugenommen, dass ich nicht an die Ankunft der restlichen Gäste glaubte.
Mir bereitete das Wetter große Sorgen, denn die Gäste hätten die entsprechende Ablenkung geboten, damit niemand auffiel, wenn ich eine Weile verschwand, um mich mit dem Safe zu beschäftigen.
Nur drei Männer mit Essen und Trinken zu versorgen wäre viel schneller erledigt. Hoffentlich hatten die Typen sich genug zu erzählen und spekulierten nicht darauf, dass ich ihnen im Zehn-Minuten-Takt die Gänge servierte. Ich brauchte mindestens eine Viertelstunde für den Safe, wenn ich ihn überhaupt so schnell fand, denn ich wusste lediglich, dass er im zweiten Stock sein musste.
Darin lag etwas, das rechtmäßig mir gehörte, und ich war fest entschlossen, es mir zurückzuholen.
Danach musste ich schnell von hier verschwinden. Mein Blick wanderte zum Küchenfenster. Hoffentlich machte mir der Schnee keinen Strich durch die Rechnung.
Ich zwang ein höflich distanziertes Lächeln auf meine Lippen und stieß die Tür auf. Womit ich gerechnet hatte, konnte ich nicht genau sagen, aber keinesfalls mit der geballten Anziehungskraft der drei Männer.
Pures Testosteron tränkte den Raum und ich fühlte mich wie der Eindringling, der ich streng genommen auch war. Drei Augenpaare lagen auf mir, das Atmen fiel mir unter den forschenden Blicken schwer.
Der Raum war groß und mit dunklem Holz eingerichtet. Ein schwerer Esstisch thronte in der Mitte, umgeben von ebenso massiv wirkenden Stühlen. Abgesehen vom flackernden Kerzenlicht, ließen bodentiefe Fenster ließen das blasse Licht von draußen herein. An jeder Wand hingen antike Kerzenhalter mit jeweils fünf Kerzen, die alle brannten. Es sollte vermutlich für weihnachtliche Stimmung sorgen, aber ich bekam ein ungutes Gefühl, während ich die tanzenden Schatten auf den Gesichtern der Männer betrachtete.
Ich hatte nicht auffallen wollen, stattdessen war ich nun das Zentrum ihrer Aufmerksamkeit.
Welcher von ihnen wer war, wusste ich nicht – ich wusste nur, was ich sah. Jeder war attraktiver als der vorherige. Neben dem Tisch stand ein großer, breitschultriger Mann, dessen Präsenz das Zimmer zu beherrschen schien. Er war der Größte von ihnen und hatte dunkle Haare, die streng nach hinten gekämmt waren. Seine Augen wirkten so finster, dass ich mich fragte, ob sie vielleicht schwarz waren.
Hastig umfasste ich den Flaschenhals fester, denn in meiner Aufregung hatten meine Finger leicht zu zittern begonnen.
Seine Stimme dröhnte durch den Raum. »Wo ist Ihre Kollegin? Also die Dame, die ich angefordert habe?«
Der barsche Tonfall sorgte nicht gerade dafür, dass ich mich entspannte. Im Gegenteil. Unsicher wollte ich einen Schritt nach hinten machen, bevor mir klar wurde, dass ich mich lächerlich verhielt. Es gab keinen Grund, Angst zu haben.
»Elena ist krank und hat mich gebeten, zu übernehmen«, log ich glatt, obwohl ich nicht einmal wusste, ob das wirklich ihr Name war. Kein Grund zur Panik, beruhigte ich mich selbst.
»Ich entschuldige mich für die mangelnden Manieren meines Freundes. Wie heißt du?«, wollte der Blonde wissen, der vollkommen ruhig neben der Bar an der Wand lehnte. In der Hand hielt er ein gut gefülltes Glas. Offensichtlich hatte er sich gerade erst einen Drink eingeschenkt.
Das war gut. Betrunkene Männer waren zufriedene Männer, die sich nicht für mich interessieren würden. Ich musste wahrscheinlich nur dafür sorgen, dass die Gläser stets gefüllt waren.
»Alice«, entgegnete ich und bemühte mich dabei, einen schüchternen Eindruck zu hinterlassen. Sie sollten glauben, dass von mir keinerlei Gefahr ausging.
»Hallo Alice«, sagte er. Im Gegensatz zum Dunkelhaarigen glich seine Stimme einem Schnurren. Sie fühlte sich fast wie eine Liebkosung an. »Das sind Tyler und Holden, ich bin Logan.«
Mein Blick glitt zu Tyler, der zurückgelehnt auf einem der Stühle saß. Seine lässige Körperhaltung konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass er mich musterte wie ein Raubtier seine Beute. Ähnlich wie Holden hatte er dunkle Haare, doch am meisten faszinierten mich die eisblauen Augen, mit denen er mich interessiert ansah. Sie ließen ein Prickeln tief in meinem Unterleib erwachen.
Ich verfluchte den kurzen Rock und die enge Bluse. Vermutlich hätte ich ein unförmiges Kleid anziehen sollen. Resigniert nahm ich zur Kenntnis, dass keiner von ihnen auch nur eine Sekunde woanders hingesehen hatte, als zu der Stelle, an der ich stand.
Es wäre nur klug, wenn ich das Beste daraus machte und mich gefügig gab. »Ich wollte keinesfalls stören. Elena sagte nichts über den Wein. Ich wollte fragen, ob dieser hier zur Vorspeise in Ordnung ist.«
Logan nickte. »Er ist perfekt.«
Die Art, wie er mich dabei anschaute, ließ mich vermuten, dass er nicht nur den Wein mit seinen Worten meinte. Meine Kehle wurde eng und ich widerstand dem Impuls, einfach zu flüchten. Vielleicht war es eine dumme Idee gewesen, überhaupt hierher zu kommen. Nach den Feiertagen wäre das Haus vielleicht verlassen und ich konnte in Ruhe einbrechen, um …
Unwillig vertrieb ich den Gedanken. Es waren nur drei Männer – warum überschlug meine Fantasie sich dermaßen?
Mein Lächeln fühlte sich bemüht an, weil ich Tylers lange, schlanke Finger betrachtete und mich fragte, wie sie sich zwischen meinen Schenkeln anfühlen würden.
Der lange Tisch war noch nicht gedeckt worden und lud mich zu wilden Träumen ein. Was wäre wenn …
Wenn sie mich packen und auf den Tisch legen würden?
Wenn sie mich verwöhnen und vögeln würden?
Wenn sie es alle drei zusammen tun würden?
Das Blut kroch langsam in meine Wangen, mein ganzer Kopf fühlte sich heiß an. Hoffentlich stand nicht auf meiner Stirn geschrieben, woran ich dachte.
»Gut. Dann würde ich gleich servieren. Kommen keine weiteren Gäste? Ich dachte, es sollten zehn Personen sein.« Gerade noch rechtzeitig hatte ich mich daran erinnert, warum ich eigentlich hier war.
Logan lächelte mich an und mein Puls geriet aus dem Takt. So musste der Teufel aussehen, wenn er an die Seele seines Opfers wollte. »Das Wetter hat dafür gesorgt, dass wir hier völlig allein sind, Alice. Sozusagen von der Außenwelt abgeschnitten.«
Großer Gott! War das eine Andeutung oder hatte ich endgültig den Verstand verloren?
Seit meine letzte Beziehung in die Brüche gegangen war, hatte ich den Männern abgeschworen und mich auf keine neue Bekanntschaft eingelassen. Vielleicht war das ein Fehler gewesen, denn meine Hormone kochten genau im falschen Moment über.
Dabei sehnte ich mich eigentlich zurück in die Beziehung. Es war eindeutig meine Schuld gewesen, dass sie geendet hatte. Ich hatte alles bekommen: Liebe, Hingabe und Leidenschaft.
Doch mein Kopf hatte mir erfolgreich Zweifel eingeredet. Ich war einfach nicht reif genug gewesen und bereute es seitdem jeden Tag.
Mit einem Achselzucken erwiderte ich: »Hauptsache ich kann mir später ein Taxi rufen, um nach Hause zu fahren.«
Bevor einer von ihnen noch etwas entgegnen konnte, beeilte ich mich, aus dem Raum zu verschwinden.
In der Küche machte ich mich daran, den Wein zu öffnen und das Essen vorzubereiten, damit meine Hände beschäftigt blieben. Ich schämte mich nicht für meine Fantasien, aber ich war klug genug, um zu wissen, dass gleich drei Männer eine Nummer zu groß für mich waren. Bei dem Versuch, sie zu verführen, würde ich mich vermutlich blamieren. Egal, ob sie nun Andeutungen machten oder nicht.
Ich durfte nicht vergessen, dass ich hier war, um sie auszurauben und nicht für Orgasmen. Während ich mir auf die Unterlippe biss, schüttelte ich mit einem Grinsen den Kopf. Irgendwie stand es für mich außer Frage, dass die drei Männer vermutlich verdammt geschickt darin waren, für Höhepunkte zu sorgen. Egal, welcher Art.
Ich kicherte leise, als hinter mir die Tür aufging. Sofort erstarrte ich mitten in der Bewegung und fühlte mich auf merkwürdige Weise bedroht. Was wollten sie hier? Die Küche war sozusagen mein Refugium und mir kam es vor, als hätten sie eine Art Waffenstillstand gebrochen, weil sie ihren Bereich verlassen hatten und in meinen gekommen waren.
Vor mir stand jedoch nur Tyler, als ich mich umdrehte.
»Kann ich etwas für Sie tun?«, fragte ich und wunderte mich im gleichen Atemzug, woher der Impuls kam, einen Knicks zu machen.
Das Lächeln, das er mir daraufhin zuwarf, eignete sich hervorragend, um Frauenherzen reihenweise zum Schmelzen zu bringen.
»Ich dachte, ich könnte dir vielleicht helfen.« Seine Stimme war dunkel und voll, ließ einen süßen Schauer über meinen Rücken rieseln.
»Wobei?«
Sein Lächeln vertiefte sich. Er schob die Hände in die Hosentaschen, als müsste er sich davon abhalten, nach mir zu greifen, und kam einen Schritt näher. »Wobei auch immer meine Hilfe gebraucht wird.«
Ich schnappte nach Luft, bevor ich mich daran hindern konnte. Sofort wurde ich rot und Tyler sah überaus zufrieden aus.
»Danke, aber ich brauche keine Hilfe«, erwiderte ich viel zu schrill.
»Nein?« Wieder machte er einen Schritt auf mich zu.
Meine Augen wurden groß. »Nein. Danke.«
»Wirklich nicht?« Ein weiterer Schritt in meine Richtung.
Er war vielleicht noch zwanzig Zentimeter entfernt. Sein Duft stieg in meine Nase und ließ mich leichtfertige Dinge denken.
»Ich glaube schon, dass es etwas gibt, womit ich dir helfen kann«, sagte er mit einem eindeutigen Unterton und streckte nun doch die Hand nach mir aus.

9 Gedanken zu “Merry Christmas – Teil 2

  1. Das Abo habe dich. Da steht nur nix drin… 😶 Außer der Überschrift und das der Inhalt mit einem Passwort geschützt ist. Der Kommentar kommt auch über die Mail. Trotzdem noch eine wunderschönen 3. Advent.

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